Eine polemisch-akademische Betrachtung zwischen Kelten, Römern und Germanen
Wenn es eine Göttin gibt, die sich mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit durch kulturelle Grenzen bewegt hat, dann ist es Epona. Eine Gottheit, die auf Pferden reitet, zwischen Imperien pendelt und dabei scheinbar mühelos die religiösen Identitäten ganzer Völker unterwandert – das ist nicht nur religionshistorisch interessant, sondern beinahe schon subversiv. Denn Epona ist keine klassische „Siegergöttin“, die mit Legionen einmarschiert. Sie ist vielmehr das spirituelle Äquivalent eines kulturellen Trojanischen Pferdes – und das ist, zugegeben, eine Ironie, die man sich nicht entgehen lassen sollte.
Wir dürfen nicht vergessen, dass der Pferdekult schon zu keltischen Zeiten eine lange Geschichte hatte. Schon auf das 5. Jahrtausend v. Chr. datierte Fundstätten in der heutigen Ukraine bezeugen das. Das sind aber m.E. nach keine Indogermanen gewesen – die kamen bekanntermassen erst im 2.Jahrtausend in Europa vor -allerhöchstwahrscheinlich mit Pferden aus Westindien anreisend.
I. Keltischer Ursprung: Die Göttin im Sattel
Beginnen wir dort, wo Epona ihren Ursprung hat: im keltischen Kulturraum. Ihr Name leitet sich vermutlich vom gallischen epos (Pferd) ab, ergänzt durch die weibliche Endung -ona. Eine „große Pferdegöttin“ also – und schon hier wird klar, dass wir es nicht mit einer Randerscheinung zu tun haben. Pferde waren für die Kelten nicht nur Nutztiere, sondern Statussymbole, Kriegsinstrumente und mythologisch aufgeladene Wesen. Wer über Pferde herrschte, herrschte über Mobilität, Macht und Prestige. Epona galt als Patronin nicht nur der Pferde, sondern ausserdem als Schutzpatronin der Esel, Maultiere sowie der Fruchtbarkeit.
Epona wird häufig dargestellt, wie sie zwischen oder auf Pferden sitzt, manchmal auch mit Fohlen oder in Verbindung mit Fruchtbarkeitssymbolen. Diese ikonographische Vielfalt lässt bereits erahnen: Epona ist mehr als nur eine Schutzgöttin der Reiter. Sie ist eine Grenzgängerin zwischen Leben und Tod, zwischen Natur und Kultur, zwischen Mensch und Tier. Kurz gesagt: Sie ist alles, was eine gute Göttin sein muss – polyvalent, geheimnisvoll und schwer festzunageln.
Und genau hier beginnt das Problem für spätere Kulturen: Was macht man mit einer Göttin, die sich nicht in ein ordentliches Pantheon einsortieren lässt?
II. Die Römer: Bürokratie trifft Pferdemystik – und Apuleius nickt zustimmend
Die Römer, bekanntlich große Freunde strukturierter Götterhierarchien und religiöser Verwaltung, standen vor einer Herausforderung. Als sie Gallien eroberten, trafen sie nicht nur auf militärischen Widerstand, sondern auch auf ein religiöses System, das sich ihrer Logik entzog. Und doch – oder gerade deshalb – entschieden sie sich nicht für eine vollständige Unterdrückung, sondern für Integration.
Epona ist ein Paradebeispiel dieser Strategie. Anders als viele andere keltische Gottheiten wurde sie nicht einfach mit einer römischen Göttin gleichgesetzt (Interpretatio Romana), sondern nahezu unverändert übernommen. Das allein ist bemerkenswert. Während andere Götter in Jupiter, Mars oder Diana „übersetzt“ wurden, blieb Epona Epona.
Warum? Die polemische Antwort lautet: Weil die Römer pragmatisch waren. Ihre Armee war auf Kavallerie angewiesen, und viele dieser Reiter stammten aus keltischen Gebieten. Wenn diese Soldaten an eine Pferdegöttin glaubten, dann war es schlicht sinnvoll, diesen Glauben zu tolerieren – oder besser noch: zu institutionalisieren.
Und so geschah es. Epona wurde zur einzigen keltischen Gottheit, die offiziell im römischen Staatskult verehrt wurde. Ihr Festtag, die Eponalia, wurde am 18. Dezember gefeiert – ein Datum, das nicht zufällig mitten in einer Phase liegt, in der Ordnung und Kontrolle im römischen Kalender ohnehin bröckelten.
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die Literatur – genauer gesagt in Apuleius’ Metamorphosen (auch bekannt als Der goldene Esel). Dort begegnet uns Epona nicht als abstrakte theologische Konstruktion, sondern im gelebten Alltag: als Bild einer Göttin im Stall, geschmückt und verehrt von einfachen Leuten. Diese Szene ist von geradezu entwaffnender Banalität – und genau darin liegt ihre Aussagekraft. Epona steht nicht auf dem Kapitol, sondern zwischen Futtertrögen und Satteln.
Apuleius liefert uns damit einen seltenen literarischen Beleg für die praktische Verehrung Eponas im römischen Alltag. Keine große Staatszeremonie, kein offizielles Priestertum, sondern eine Art „Volksfrömmigkeit“, die sich im Mikrokosmos des Stalls entfaltet. Man könnte sagen: Während Jupiter über den Himmel herrscht, wacht Epona über das, was tatsächlich funktioniert – die Logistik.
Und plötzlich wird verständlich, warum sie sich so hartnäckig hält. Eine Göttin, die im Stall präsent ist, ist näher am Leben als jede marmorne Statue im Tempel.

III. Germanische Rezeption: Zwischen Übernahme und Transformation
Nun betreten wir ein noch unschärferes Terrain: die germanischen Kulturen. Anders als die Römer hinterließen die Germanen weniger schriftliche Zeugnisse, was die Rekonstruktion ihrer religiösen Vorstellungen erschwert. Dennoch gibt es Hinweise darauf, dass Epona auch hier Spuren hinterlassen hat.
Allerdings geschieht dies nicht in Form einer direkten Übernahme. Die Germanen hatten eigene Pferdesymboliken und Gottheiten, etwa in Verbindung mit Fruchtbarkeit oder Orakelpraktiken. Pferde spielten auch hier eine zentrale Rolle – man denke nur an die heiligen Pferde in germanischen Heiligtümern, deren Verhalten als göttliches Zeichen interpretiert wurde.
Epona taucht in diesem Kontext eher als Einfluss denn als importierte Figur auf. Ihre Eigenschaften – Schutz der Pferde, Verbindung zur Fruchtbarkeit, möglicherweise auch zur Unterwelt – finden sich in verschiedenen germanischen Mythen wieder, jedoch fragmentiert und transformiert.
Hier zeigt sich ein faszinierender Mechanismus kultureller Diffusion: Während die Römer Epona institutionalisierten, „verdünnten“ die Germanen sie gewissermaßen in ihrem eigenen mythologischen System. Das Ergebnis ist kein klar erkennbarer Kult, sondern ein Echo – eine Art religiöses Nachbild, das sich nur indirekt fassen lässt.
IV. Epona als kulturelles Phänomen: Eine polemische Zwischenbilanz
Was lernen wir daraus? Zunächst einmal, dass religiöse Ideen sich nicht an politische Grenzen halten. Epona ist der Beweis dafür, dass selbst in einer Welt ohne Internet kulturelle Globalisierung möglich war – wenn auch auf dem Rücken von Pferden statt durch Glasfaserkabel.
Zweitens zeigt sich, dass Macht nicht immer durch Unterdrückung funktioniert. Die Römer waren erfolgreich, weil sie flexibel waren. Sie konnten eine fremde Göttin nicht nur tolerieren, sondern aktiv in ihr System integrieren – ohne sie vollständig zu vereinnahmen. Das ist, wenn man so will, ein früher Fall von „soft power“.
Drittens liefert Apuleius – oft übersehen in seiner ironischen Erzählhaltung – einen entscheidenden Hinweis: Religion ist nicht nur Ideologie, sondern Praxis. Und diese Praxis findet selten dort statt, wo sie die Theologen vermuten. Epona überlebt nicht wegen staatlicher Anerkennung, sondern weil sie gebraucht wird.
Und viertens – und hier wird es polemisch – stellt sich die Frage, ob wir moderne Vorstellungen von kultureller Identität nicht überbewerten. Wenn eine keltische Göttin problemlos römisch werden kann, literarisch bei Apuleius auftaucht und gleichzeitig germanische Spuren hinterlässt, dann scheint die Idee klar abgegrenzter Kulturen eher ein modernes Konstrukt zu sein als eine historische Realität.
V. Schluss: Die Göttin, die im Stall bleibt – und gerade deshalb gewinnt
Epona entzieht sich einfachen Kategorien. Sie ist weder rein keltisch noch vollständig römisch oder germanisch. Sie ist ein hybrides Phänomen, ein Produkt kultureller Interaktion und Transformation.
Doch dank Apuleius wissen wir: Ihre wahre Heimat ist weder ein Tempel noch ein Mythos, sondern der Alltag. Der Stall, der Geruch von Heu, das Schnauben der Pferde – dort lebt sie weiter, unbeeindruckt von theologischen Debatten und imperialen Strategien. Apuleius beschreibt das sehr deutlich, indem der Held, der eben noch im Gästezimmer seiner Tante weilt, dass er jetzt „unten im Stall“ sei, also in einem Privathaus, einem Privatstall, indem der Göttin gehuldigt wird (Kapitel III).
Vielleicht liegt genau darin ihre anhaltende Faszination. In einer Welt, die zunehmend nach klaren Identitäten sucht, erinnert uns Epona daran, dass Vermischung nicht die Ausnahme, sondern die Regel ist. Dass Grenzen durchlässig sind. Und dass selbst eine Göttin – oder gerade eine Göttin – nicht auf einen Ursprung reduziert werden kann.
Oder, um es weniger akademisch und etwas spitzer zu formulieren: Wer versucht, Epona „einer Kultur zuzuordnen“, sollte vielleicht zuerst einen Stall besuchen – und Apuleius lesen.
Denn dort, zwischen Mistgabel und Mythos, versteht man sie am besten.
Autor: Stefan Knorr, M.A. (Germanistik, Politik, Psychologie), Lehrer und Geschichtsblogger
Schwerpunkt: Philologie und Antike, Politik und Zeitgeschichte
Quellenverzeichnis
Primärquellen
- Apuleius: Metamorphosen (auch: Der goldene Esel). Lateinisch/Deutsch. Hrsg. und übers. von Edward Brandt / Wilhelm Ehlers. München: Heimeran, 1973 (oder neuere Reclam-Ausgabe).
- Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL). Berlin: de Gruyter, ab 1863 ff.
(insbesondere Weihinschriften an Epona) - Green, Miranda J. (Hg.): The Gods of the Celts. Gloucester: Alan Sutton, 1986.
(enthält ikonographische und epigraphische Belege)
Sekundärliteratur
- Green, Miranda J.: Animals in Celtic Life and Myth. London/New York: Routledge, 1992.
- Green, Miranda J.: The World of the Druids. London: Thames & Hudson, 1997.
- MacKillop, James: Dictionary of Celtic Mythology. Oxford: Oxford University Press, 1998.
- Ross, Anne: Pagan Celtic Britain: Studies in Iconography and Tradition. London: Routledge, 1967.
- Aldhouse-Green, Miranda: Celtic Goddesses: Warriors, Virgins and Mothers. London: British Museum Press, 2010.
Spezialliteratur zu Epona
- Magnen, Roger: Epona: Déesse gauloise des chevaux. Paris: Presses Universitaires de France, 1953.
- Oaks, L. S.: „The Goddess Epona: A Protective Figure in Roman Gaul“. In: Latomus 48 (1989), S. 77–92.
- Benoit, Fernand: L’Art des Celtes. Paris: Presses Universitaires de France, 1969.
Römische Religion und Interpretatio Romana
- Beard, Mary / North, John / Price, Simon: Religions of Rome. 2 Bde. Cambridge: Cambridge University Press, 1998.
- Rüpke, Jörg: Die Religion der Römer. München: C.H. Beck, 2001.
- Woolf, Greg: Becoming Roman: The Origins of Provincial Civilization in Gaul. Cambridge: Cambridge University Press, 1998.
Germanische Religion (Kontextualisierung)
- Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart: Kröner, 2006.
- Davidson, H. R. Ellis: Gods and Myths of Northern Europe. London: Penguin, 1964.
Zur kulturellen Hybridität und Religionskontakt
- Hingley, Richard: Roman Officers and English Gentlemen: The Imperial Origins of Roman Archaeology. London: Routledge, 2000.
- Webster, Jane: „Creolizing the Roman Provinces“. In: American Journal of Archaeology 105 (2001), S. 209–225.


