Wer sich durch die germanischen Sagen liest, begegnet keiner stillen, duldsamen Weiblichkeit, wie sie spätere Moralisten so gern beschworen haben. Nein: Die Frauenfiguren dieser Welt sind von einer ganz anderen Art. Sie sind klug, berechnend, verletzlich und gefährlich zugleich. Ihre Waffen sind selten offen geführt, doch umso wirksamer. Wer sie unterschätzt, ist verloren. „Verschlagenheit“ – ein Wort, das schnell nach List, Täuschung und moralischer Fragwürdigkeit klingt – wird in der germanischen Überlieferung zu einer Überlebensstrategie, zu einer Form von Macht in einer Welt, die Frauen formell kaum Macht zugestand.
Die großen Namen sind bekannt: Kriemhild aus dem Nibelungenlied, Gudrun aus der Kudrun-Sage, dazu Figuren wie Brünhild, die in ihrer Ambivalenz zwischen Stärke und Verletzbarkeit fast schon modern wirkt. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: Es geht nicht um „böse“ Frauen, sondern um Frauen, die in einem System der Gewalt und der männlichen Dominanz ihre eigenen Wege finden, Einfluss zu nehmen – subtil, indirekt, aber oft mit verheerender Wirkung.
Kriemhild – die Verwandlung zur Rächerin
Kriemhild ist wohl die eindrücklichste Verkörperung dieser Verschlagenheit. Zu Beginn erscheint sie als Idealbild höfischer Weiblichkeit: schön, sanft, loyal. Doch diese Oberfläche ist trügerisch. Ihre Entwicklung ist radikal. Nach der Ermordung Siegfrieds – einem Akt, der selbst von Verrat und Intrige geprägt ist – wandelt sich Kriemhild zur kompromisslosen Rächerin.
Was dabei fasziniert, ist nicht bloß ihr Zorn, sondern die Art, wie sie ihn kanalisiert. Sie greift nicht zum Schwert, sie zieht nicht selbst in den Kampf. Stattdessen nutzt sie das System: Heiratspolitik, Gastfreundschaft, Loyalitätsnetze. Ihre Ehe mit Etzel ist kein romantischer Akt, sondern ein kalkulierter Schritt. Sie schafft sich Machtmittel, die ihr zuvor verwehrt waren. Und sie wartet. Jahre vergehen, bis sie zuschlägt.
Diese Geduld ist der Kern ihrer „Verschlagenheit“. Sie denkt in langen Linien, plant über Generationen hinweg. Ihre Einladung an die Burgunden ist ein Meisterstück strategischer Täuschung. Was als Fest beginnt, endet in einem Massaker. Kriemhild ist dabei keine impulsive Furie, sondern eine Architektin der Rache.
Und doch bleibt eine Ambivalenz: Ist sie Täterin oder Opfer? Ihre Grausamkeit ist unbestreitbar, doch sie entsteht aus einem erlittenen Unrecht. Die Sage verweigert eine einfache moralische Einordnung. Gerade darin liegt ihre Kraft.
Gudrun – die stille Strategin
Ganz anders, aber nicht weniger eindrucksvoll ist Gudrun. Während Kriemhild durch offene Eskalation auffällt, wirkt Gudrun zunächst passiv. Sie wird entführt, zur Heirat gezwungen, gedemütigt. Jahre verbringt sie in Gefangenschaft. Doch diese scheinbare Passivität ist trügerisch.
Gudrun überlebt, indem sie sich anpasst. Sie spielt die Rolle, die man ihr zuweist – und unterläuft sie zugleich. Ihre Verschlagenheit ist die Kunst des Ausharrens. Sie widersetzt sich nicht frontal, sondern untergründig. Sie verweigert die erzwungene Ehe innerlich, hält an ihrer Identität fest und wartet auf den richtigen Moment.
Als ihre Brüder schließlich zur Rettung kommen, zeigt sich, dass Gudrun nie wirklich gebrochen war. Ihre Standhaftigkeit ist keine naive Treue, sondern eine bewusste Entscheidung. Sie weiß, dass offener Widerstand sie vernichten würde. Also wählt sie den indirekten Weg.
Gudrun verkörpert damit eine andere Form von Macht: die Macht der Selbstbeherrschung, der inneren Unabhängigkeit. Ihre „Verschlagenheit“ ist weniger spektakulär als die Kriemhilds, aber nicht weniger wirkungsvoll. Sie zeigt, dass Anpassung nicht gleichbedeutend mit Unterwerfung ist.
Brünhild – die gebrochene Stärke
Brünhild wiederum sprengt die Kategorien. Sie ist zunächst eine Frau, die keine Verschlagenheit nötig zu haben scheint. Stark, kämpferisch, nahezu unbesiegbar – eine Gestalt, die eher an eine Kriegerin als an eine höfische Dame erinnert. Doch gerade ihre Stärke wird ihr zum Verhängnis.
Durch List wird sie überwunden, durch Täuschung entmachtet. Ihre Ehe mit Gunther basiert auf Betrug, ihre Position am Hof ist von Anfang an instabil. Was folgt, ist eine langsame Erosion ihrer Identität. Brünhild reagiert nicht mit der strategischen Geduld Kriemhilds oder Gudruns, sondern mit verletztem Stolz und wachsender Verbitterung.
Auch hier spielt Verschlagenheit eine Rolle – allerdings in anderer Form. Brünhild ist nicht die Meisterin der Intrige, sondern ihr Opfer. Und doch wird sie selbst Teil des Systems, das sie zerstört. Ihre Konflikte mit Kriemhild treiben die Handlung entscheidend voran. Die berühmte Szene am Brunnen – ein Streit um Rang und Ehre – ist mehr als ein persönlicher Konflikt. Sie offenbart die fragile Ordnung, in der diese Frauen leben.
Brünhild zeigt, dass Verschlagenheit nicht nur eine aktive Strategie sein kann, sondern auch eine erzwungene Reaktion auf ein Umfeld, das keine offene Stärke duldet.
Die Struktur der Macht – warum Verschlagenheit notwendig wird
Warum aber erscheint diese „Verschlagenheit“ so zentral für weibliche Figuren in den germanischen Sagen? Die Antwort liegt in der Struktur der Gesellschaft, die diese Texte spiegeln.
Macht ist männlich codiert: Waffen, Kampf, direkte Gewalt. Frauen haben formal wenig Zugriff auf diese Mittel. Ihre Einflussmöglichkeiten liegen im Privaten, im Sozialen, im Symbolischen. Heirat, Ehre, Loyalität – das sind ihre Spielfelder. Wer hier erfolgreich sein will, muss indirekt handeln.
Verschlagenheit wird so zur logischen Konsequenz struktureller Einschränkung. Sie ist keine moralische Schwäche, sondern eine Anpassung an die Gegebenheiten. In einer Welt, in der offene Konfrontation für Frauen kaum möglich ist, wird List zur Form von Handlungsmacht.
Interessant ist dabei, dass die Sagen diese Strategien nicht eindeutig verurteilen. Im Gegenteil: Sie zeigen ihre Wirksamkeit. Kriemhild erreicht ihr Ziel – wenn auch um einen hohen Preis. Gudrun bewahrt ihre Integrität. Selbst Brünhild hinterlässt einen bleibenden Eindruck als tragische, aber bedeutende Figur.
Die Texte machen deutlich: Macht ist nicht nur eine Frage der Stärke, sondern auch der Intelligenz, der Geduld und der Fähigkeit, Strukturen zu nutzen.
Zwischen Dämonisierung und Bewunderung
Dennoch bleibt ein Spannungsfeld. Die Verschlagenheit der Frauen wird oft mit negativen Attributen belegt: Hinterlist, Intrige, Täuschung. Gleichzeitig üben diese Figuren eine enorme Faszination aus. Sie sind nicht eindimensional, sondern komplex, widersprüchlich, lebendig.
Diese Ambivalenz spiegelt eine tiefere Unsicherheit wider. Die Sagen entstehen in einer Zeit, in der gesellschaftliche Rollenbilder zwar relativ klar definiert sind, aber zugleich immer wieder infrage gestellt werden. Frauen, die sich nicht in die vorgesehene Ordnung fügen, erscheinen bedrohlich – und zugleich bewundernswert.
Kriemhild ist dafür das beste Beispiel. Sie sprengt die Erwartungen, die an sie gestellt werden. Ihre Rache ist maßlos, ihre Konsequenz erschreckend. Doch gerade diese Radikalität macht sie zu einer der eindrucksvollsten Figuren der deutschen Literatur.
Die Moderne liest anders
Heute, mit zeitlichem Abstand, lässt sich diese „Verschlagenheit“ anders lesen. Was früher als moralisches Problem galt, erscheint nun als Ausdruck von Handlungsspielraum unter eingeschränkten Bedingungen. Die Frauenfiguren der germanischen Sagen sind keine bloßen Nebenfiguren, keine passiven Opfer. Sie sind Akteurinnen – auf ihre Weise.
Kriemhild wird zur Strategin, Gudrun zur Meisterin des Ausharrens, Brünhild zur tragischen Heldin. Ihre Geschichten erzählen nicht nur von Liebe und Verrat, sondern auch von Macht, Identität und Widerstand.
Dabei zeigt sich eine erstaunliche Aktualität. Die Frage, wie Menschen – und insbesondere Frauen – in restriktiven Systemen Handlungsspielräume finden, ist bis heute relevant. Die Mittel mögen sich geändert haben, doch die grundlegenden Dynamiken sind vertraut.
Fazit – Verschlagenheit als Form von Stärke
Die „Verschlagenheit der germanischen Frau“ ist kein bloßes Klischee, sondern ein literarisches Motiv mit tiefer Bedeutung. Sie verweist auf eine Welt, in der Macht ungleich verteilt ist – und auf die kreativen Wege, diese Ungleichheit zu umgehen.
Was auf den ersten Blick wie List oder Täuschung erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als komplexe Strategie. Diese Frauen sind keine Randfiguren, sondern zentrale Kräfte der Handlung. Sie lenken, beeinflussen, entscheiden – oft im Verborgenen, aber mit nachhaltiger Wirkung.
Vielleicht liegt gerade darin ihre eigentliche Stärke: nicht in der offenen Konfrontation, sondern in der Fähigkeit, die Regeln des Spiels zu verstehen – und zu ihrem Vorteil zu nutzen.
Die germanischen Sagen erzählen somit nicht nur von Helden und Schlachten, sondern auch von einer anderen, subtileren Form von Macht. Und diese Macht trägt oft ein weibliches Gesicht.
Reale weibliche Figuren bis 800 u. Z. – Zwischen Chronik und Chiffre
So sehr die Sagenwelt von überzeichneten, symbolisch aufgeladenen Frauenfiguren lebt, so stellt sich doch die Frage: Gab es reale Entsprechungen? Frauen, deren Handeln, Einfluss oder schlicht ihre Existenz Spuren hinterlassen haben, die sich – wenn auch bruchstückhaft – historisch greifen lassen? Die Quellenlage ist dürftig, oft durch männliche Perspektiven verzerrt, doch gerade in diesen Rissen werden Konturen sichtbar.
Eine der bekanntesten Gestalten ist Thusnelda, die Frau des Cheruskerfürsten Arminius. Ihr Schicksal ist in mehrfacher Hinsicht bezeichnend. Sie wird nicht als eigenständige politische Akteurin dargestellt, sondern als Objekt von Machtkonflikten: entführt, schwanger gefangen genommen, nach Rom verschleppt. Und doch lässt sich zwischen den Zeilen eine andere Dimension erkennen. Thusnelda ist keine bloße Randfigur, sondern Teil eines symbolischen Gefüges, in dem weibliche Körper politische Bedeutung tragen. Ihre Gefangennahme ist nicht nur ein militärischer Erfolg, sondern ein Akt der Demütigung und Machtdemonstration.
Was hier fehlt, ist ihre Stimme. Die römischen Quellen berichten über sie, nicht von ihr. Doch gerade dieses Schweigen verweist auf eine Realität, in der Frauen zwar selten direkt sprechen, aber dennoch zentrale Rollen spielen. Ihre „Verschlagenheit“ – sofern sie überhaupt sichtbar wird – bleibt im Dunkeln, verborgen hinter den Narrativen der Sieger.
Anders gelagert ist der Fall der merowingischen Königin Brunichild. Hier tritt eine Frau deutlicher als politische Akteurin hervor. Brunichild ist keine passive Figur, sondern eine Herrscherin, die aktiv in Machtkämpfe eingreift, Allianzen schmiedet, Intrigen spinnt und Kriege beeinflusst. Ihre lange politische Karriere ist geprägt von Konflikten, insbesondere mit ihrer Rivalin Fredegunde.
Die Quellen – vor allem Gregor von Tours – zeichnen ein ambivalentes Bild. Brunichild erscheint als ehrgeizig, hart, bisweilen grausam. Doch auch hier stellt sich die Frage: Inwieweit ist dieses Bild das Produkt einer männlich dominierten Geschichtsschreibung, die weibliche Macht per se als verdächtig markiert? Ihre „Verschlagenheit“ könnte ebenso gut als politische Klugheit gelesen werden, als Fähigkeit, sich in einem brutalen Machtgefüge zu behaupten.
Fredegunde, ihre Gegenspielerin, wird noch drastischer dargestellt. Sie gilt als Inbegriff der intriganten Königin: skrupellos, berechnend, tödlich. Morde, Täuschungen, strategische Ehen – ihr wird ein ganzes Arsenal an „verschlagenen“ Handlungen zugeschrieben. Doch auch hier gilt: Die Überlieferung ist nicht neutral. Sie ist geprägt von moralischen Urteilen, von politischen Interessen, von narrativen Mustern, die starke Frauen in die Nähe des Dämonischen rücken.
Interessant ist, dass beide Figuren – Brunichild und Fredegunde – in einer Zeit auftreten, in der Frauen unter bestimmten Bedingungen tatsächlich Macht ausüben konnten: als Regentin, als Mutter eines minderjährigen Königs, als Teil dynastischer Netzwerke. Ihre Handlungsspielräume waren real, wenn auch begrenzt. Und sie nutzten sie – mit Mitteln, die sich kaum von denen ihrer männlichen Zeitgenossen unterschieden.
Ein weiteres Beispiel bietet die angelsächsische Welt, etwa mit Æthelflæd, der „Lady of the Mercians“. Sie regierte im frühen 10. Jahrhundert, also knapp nach der hier gesetzten Grenze, doch ihre Wurzeln liegen in den Strukturen des 8. und 9. Jahrhunderts. Æthelflæd führte Truppen, ließ Befestigungen errichten, betrieb aktive Politik. Sie zeigt, dass weibliche Herrschaft nicht nur im Verborgenen stattfand, sondern auch offen sichtbar sein konnte – wenn die Umstände es erlaubten.

Was all diese Figuren verbindet, ist die Spannung zwischen Darstellung und möglicher Realität. Die Quellen neigen dazu, weibliches Handeln zu moralisieren, zu dramatisieren oder zu verzerren. „Verschlagenheit“ wird dabei oft als Deutungsmuster verwendet, um weibliche Einflussnahme erklärbar zu machen – und zugleich zu delegitimieren.
Doch gerade im Vergleich mit den Sagenfiguren wird deutlich: Die Grenze zwischen Mythos und Geschichte ist fließend. Die literarischen Gestalten wie Kriemhild oder Gudrun sind keine direkten Abbilder historischer Personen, aber sie greifen auf Erfahrungsräume zurück, die real gewesen sein müssen. Sie verdichten, überhöhen und transformieren soziale Praktiken, die in der historischen Wirklichkeit angelegt sind.
Die reale „verschlagene“ Frau bis 800 u. Z. ist daher weniger eine klar greifbare Figur als ein Konstrukt im Spannungsfeld von Handlung und Darstellung. Sie existiert in den Quellen oft nur als Spiegel männlicher Wahrnehmung – und doch lassen sich in diesen Spiegelungen Spuren von Autonomie, Strategie und Einfluss erkennen.
Vielleicht liegt gerade darin ihre historische Bedeutung: nicht als klar umrissene Heldin oder Schurkin, sondern als Grenzfigur, an der sich die Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Macht in vormodernen Gesellschaften ablesen lassen.
Autor: Stefan Knorr, M.A. (Germanistik, Politik, Psychologie), Lehrer und Geschichtsblogger
Schwerpunkt: Philologie und Antike, Politik und Zeitgeschichte




