Walküren – Todesdämonen oder romantisch verklärte Kriegerinnen?

Walküren

Einleitung

Walküren gehören zu den bekanntesten Figuren der nordischen Mythologie. In der populären Wahrnehmung erscheinen sie häufig als edle, schöne Kriegerinnen: mutige Frauen in glänzenden Rüstungen, die gefallene Helden ehrenvoll nach Walhall geleiten. Diese romantisierte Vorstellung ist nicht zuletzt durch Richard Wagners Opernzyklus Der Ring des Nibelungen, moderne Fantasy-Literatur sowie Film- und Computerspieladaptionen geprägt. Doch ein genauerer Blick auf die altnordischen Quellen offenbart ein deutlich ambivalenteres, oft düsteres Bild. Walküren sind keineswegs nur heroische Seelenführerinnen, sondern stehen in enger Verbindung zu Tod, Gewalt, Schicksal und Zerstörung. In vielen Texten erscheinen sie weniger als noble Kriegerinnen denn als unheilvolle Todeswesen, ja sogar als dämonische Gestalten.

Dieser Aufsatz untersucht die dunklen Aspekte der Walkürenfigur und geht der Frage nach, ob Walküren ursprünglich eher als Todesdämonen denn als romantische Heldinnen zu verstehen sind. Dabei werden mythologische Quellen, sprachliche Hinweise, kulturhistorische Kontexte sowie spätere Umdeutungen berücksichtigt.

Herkunft und Bedeutung des Begriffs „Walküre“

Bereits die sprachliche Zusammensetzung des Begriffs verweist auf die ursprünglich dunkle Funktion der Walküren. Das deutsche Wort Walküre ist keine genuin deutsche Komposition aus Wal („Schlachtfeld, Gefallene“) und küren („auswählen“), sondern eine Übernahme des altnordischen valkyrja. Dieses setzt sich aus valr („die auf dem Schlachtfeld Gefallenen, Leichen“) und dem Verb kjósa („wählen, bestimmen“) zusammen und bedeutet wörtlich „Wählerin der Gefallenen“. Zwar sind die zugrunde liegenden Wortstämme auch im Westgermanischen belegt, ihre entsprechende Bedeutung war jedoch im Deutschen zur Zeit der neuzeitlichen Rezeption weitgehend verblasst. Die moderne deutsche Form Walküre ist daher weniger als eingedeutschtes Erbwort denn als gelehrte Rückübernahme aus dem Nordischen zu verstehen. Eine etymologisch präzisere Bezeichnung wäre folglich Valkyrja bzw. Valkyre, da nur diese Formen den ursprünglichen semantischen Gehalt – die aktive Entscheidung über Leben und Tod – unverstellt bewahren.

„Küre“ ist nicht das deutsche Verb „küren“. Das moderne deutsche Wort „küren“ ist zwar entfernt verwandt, aber zeitlich viel jünger und semantisch abgeschwächt. In der Mythologie bedeutet „wählen“ nicht demokratische Auswahl, sondern schicksalhafte Festlegung über Leben und Tod. Sie wählen nicht Helden, sondern bestimmen, wer stirbt. Das rückt sie näher an Schicksalsdämonen, Totengeister und kriegerische Todesgöttinnen.

Im kontinentalgermanischen Raum gab es keine Walküren als festes mythologisches Konzept mehr, als das Wort schriftlich fassbar wird. Die ursprüngliche Bedeutung wurde immer mehr abgeschwächt, bis hin zur Romantisierung Brünhilds als ehemalige Walküre, die Gunter heiratet.

Bild: Brünhilde als Schildmaid oder Walküre, Kostümentwurf von Prof. Doepler für Wagners Ring (Wagners Kommentar: „Geschmacklos.“)

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Walküren als Schicksalswesen und Todesbringerinnen

In zahlreichen Quellen treten Walküren als Verkörperungen des unausweichlichen Schicksals auf. Ähnlich den Nornen, die den Lebensfaden spinnen, repräsentieren Walküren die gewaltsame Form des Schicksals: den Tod im Kampf. In der Völuspá und anderen eddischen Liedern erscheinen sie als Vorbotinnen des Untergangs, insbesondere im Kontext von Ragnarök, dem Weltende der nordischen Mythologie.

Besonders auffällig ist ihre Rolle auf dem Schlachtfeld. Walküren reiten nicht nur über die Gefallenen hinweg, sondern verursachen aktiv Blutvergießen. In der Darstellung der Walküren im Darradarljóð, einem Gedicht aus der Njáls Saga, weben Walküren ein grausiges Gewebe aus Gedärmen, Schwertern und Schädeln, während sie über Tod und Verderben singen. Dieses Bild ist weit entfernt von jeder romantischen Idealisierung und zeigt Walküren als makabre, blutrünstige Wesen, die sich am Sterben der Menschen beteiligen.

Bild: Ragnarök, keiner kommt hier lebend raus!

Dämonische und übernatürliche Züge

In vielen Darstellungen überschreiten Walküren die Grenze zwischen Göttinnen, Geistern und Dämonen. Sie erscheinen nachts, fliegen durch die Lüfte, nehmen Tiergestalt an oder verursachen Wahnsinn und Tod. Ihre Nähe zu Raben, Wölfen und anderen mit dem Tod assoziierten Tieren verstärkt ihren unheilvollen Charakter.

Einige Forscher sehen in Walküren Überreste vorchristlicher Totengeister oder Schlachtfelddämonen. In diesem Deutungsansatz sind sie keine individuellen Persönlichkeiten, sondern Manifestationen kollektiver Todesängste. Sie verkörpern das Grauen des Krieges und die Unberechenbarkeit des Sterbens.

Auch ihre Verbindung zu Odin, dem Gott des Krieges, der Ekstase und des Todes, ist bezeichnend. Odin ist kein wohlwollender Herrscher, sondern ein manipulativer Gott, der Menschen opfert, um Wissen und Macht zu erlangen. Walküren fungieren als seine Werkzeuge, die seinen Willen auf den Schlachtfeldern ausführen.

Ich zitiere meines verehrten Mannhardts „Götterwelt“ von 1860, wo er die Walküren 22 Mal erwähnt, hier das wichtigste:

… Ödhinn dienen liebliche Jungfrauen, welche den Geist des sterbenden Kriegers zu seiner Halle geleiten. Sie reiten aufs Schlachtfeld herab und halten Todeswahl. Daher heiszen sie Valkyren (Schlachttodwählerinnen). In der jüngsten Periode der Mythenbildung aber, von der wir so eben sprachen, wollte die Reflexion in den Valkyren nur Personificationen des Kampfes selbst und einzelner Momente in demselben erkennen und legte ihnen demgemäsz Namen bei, wie Hildr (Kampf) Randgridh Wut der Schilde.

Zwei Valkyren Hrist und Mist reichen Ödhinn das Trinkhorn.

Tobt auf Erden Schlachtgetöse, so sendet Ödhinn auf Wolkenrossen seine Wunschmädchen, die Valkyrien herab, die sich unter die Kämpfen den mischen und diejenigen auswählen, welche ihnen nach Vallhöll folgen sollen.

Der Sieg hängt von Ödhinn allein ab, der ihn entweder persönlich, oder durch seine Valkyricn verleiht.

Freyja ist nämlich die Gebieterin der göttlichen Wunschmädchen, der Valkyrien, wie Holda von lieblichen Jungfrauen umgeben durch die Lüfte reitet, mit ihnen badet, und Feld und Flur umwandelt (S. 277. 284. 285). Den Valkyrien voranstehend übt Freyja das Schenkenamt in Vallhöll (S. 159. 214). Als die spätere kriegerische Entwicklung unserer Mythologie die Valkyrien zu Ödhins Schlachtjungfrauen machte (S.43. 160), wurde erzählt, dass Freyja kriegsgerüstet zum Kampf auf die Wahlstatt herniederfahre und jeden Tag tapfere Helden zum Tod erkiese. Die Hälfte der Gefallenen gehört ihr und die andere Hälfte Ödhinn.

Sexualität, Gewalt und Macht

Ein weiterer dunkler Aspekt der Walküren liegt in der problematischen Verbindung von Sexualität und Gewalt. In einigen Mythen werden Walküren als verführerisch, dominant und zugleich gefährlich dargestellt. Sie wählen ihre Liebhaber ebenso aus wie ihre Opfer. Die Grenze zwischen erotischer Anziehung und tödlicher Bedrohung ist fließend.

Diese Ambivalenz spiegelt sich in Erzählungen wider, in denen Walküren menschliche Helden lieben, ihnen jedoch gleichzeitig Verderben bringen. Oft verlieren diese Helden durch die Beziehung ihre Unabhängigkeit oder ihr Leben. Die Walküre wird hier zur fatalen Frau, die Macht über Männer ausübt – ein Motiv, das später in der europäischen Literaturgeschichte immer wiederkehrt.

Christianisierung und Dämonisierung

Mit der Christianisierung Skandinaviens wandelte sich das Bild der Walküren weiter. Heidnische Todesgöttinnen und Schlachtwesen passten nicht in das christliche Weltbild und wurden zunehmend dämonisiert. Walküren verschmolzen in der volkstümlichen Vorstellung mit Hexen, Geistern oder Teufelswesen.

Dieser Prozess der Dämonisierung verstärkte ihre dunklen Züge, während ihre religiöse Funktion verdrängt wurde. Gleichzeitig verloren sie ihre sakrale Bedeutung und wurden zu unheimlichen Sagengestalten, die Schrecken verbreiten.

Romantisierung im 19. und 20. Jahrhundert

Die heute weit verbreitete Vorstellung der Walküre als stolze, ehrenhafte Kriegerin ist eine vergleichsweise junge Konstruktion. Im Zuge der Romantik wurden nordische Mythen neu interpretiert und idealisiert. Walküren wurden zu Symbolfiguren für Tapferkeit, Weiblichkeit und nationale Identität.

Richard Wagners Walküren sind zwar noch kämpferisch, aber moralisch aufgeladen und emotionalisiert. Ihre brutalen Aspekte treten in den Hintergrund, während Opferbereitschaft und Heldentum betont werden. Moderne Fantasy-Adaptionen setzen diesen Trend fort, indem sie Walküren als emanzipierte Kriegerinnen darstellen, die für Gerechtigkeit kämpfen.

Diese Umdeutung sagt mehr über moderne Werte als über die ursprüngliche Mythologie aus. Die dunklen, grausamen und ambivalenten Aspekte der Walküren werden dabei häufig verdrängt oder abgeschwächt.

Fazit

Die Walküren der nordischen Mythologie sind weit mehr als romantische Kriegerinnen. Ihre ursprüngliche Funktion als Wählerinnen der Toten, Schlachtfelddämonen und Werkzeuge Odins verleiht ihnen einen düsteren, oft furchteinflößenden Charakter. Sie stehen für Gewalt, Tod und das unerbittliche Schicksal, nicht für edle Ideale oder moralische Reinheit.

Die moderne Romantisierung der Walküren verdeckt diese Aspekte und verzerrt das mythologische Bild. Betrachtet man die Quellen kritisch, erscheint es plausibel, Walküren eher als Todesdämonen denn als heroische Heldinnen zu verstehen. Gerade diese Ambivalenz macht sie jedoch zu faszinierenden Figuren: Sie verkörpern die dunkle Seite des Krieges und erinnern daran, dass Heldentum und Grauen untrennbar miteinander verbunden sind.

Autor: Stefan Knorr, M.A. (Germanistik, Politik, Psychologie), Lehrer und Geschichtsblogger
Schwerpunkt: Philologie und Antike, Politik und Zeitgeschichte

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