Alexandria und Karl-Marx-Stadt

Mit Personennamen gebildete Ortsnamen im indogermanischen Raum von der Antike bis heute

Ein Ortsname scheint zunächst eine harmlose Angelegenheit zu sein. Er steht auf einem Wegweiser, einer Landkarte oder einem Bahnhofsschild und sagt dem Reisenden, wo er sich befindet. Doch Ortsnamen sind selten so unschuldig, wie sie aussehen. Sie erzählen von Macht, Erinnerung, Religion, Herrschaft und gelegentlich von ziemlich ausgeprägtem politischem Größenwahn. Besonders aufschlussreich sind Städte, die nach Personen benannt wurden. Eine solche Namensgebung macht aus einem Menschen einen Bestandteil der Landschaft. Der Herrscher, Feldherr, Heilige, Monarch, Revolutionär oder Staatsmann verschwindet zwar irgendwann aus Fleisch und Blut, bleibt aber als Silbe auf dem Ortsschild erhalten. Alexander der Große hat dieses Verfahren im hellenistischen Zeitalter geradezu industrialisiert. Jahrhunderte später ließen Monarchen, Nationalstaaten und Diktaturen dieselbe Grundidee wieder aufleben. Und so führt eine bemerkenswerte sprach- und kulturgeschichtliche Linie von Alexandria bis Karl-Marx-Stadt.

Der Vergleich ist natürlich nicht als Behauptung gedacht, beide Namensgebungen hätten dieselbe politische oder historische Bedeutung. Im Gegenteil: Gerade die Unterschiede zeigen, wie wandelbar die Funktion eines Ortsnamens sein kann.

Wenn der Herrscher seinen Namen auf die Landkarte setzt

Die hellenistische Welt liefert ein besonders eindrucksvolles Beispiel. Alexander III. von Makedonien, besser bekannt als Alexander der Große, gründete während seiner Eroberungen zahlreiche Städte oder ließ bestehende Siedlungen unter seinem Namen neu organisieren. Alexandria in Ägypten wurde 331 v. Chr. gegründet und nach ihm benannt. Der Name wurde dabei zu einem regelrechten politischen Markenzeichen.

Dabei ist schon die Bezeichnung Alexandria sprachwissenschaftlich interessant. Sie besteht aus dem Personennamen Alexandros und dem griechischen Orts- beziehungsweise Namenbildungselement -ia. Der Personenname selbst bedeutet ungefähr „der die Männer abwehrt“ beziehungsweise „der Männer beschützt“. In der historischen Sprachwissenschaft wird Alexandros mit griechisch aléxein „abwehren, schützen“ und anḗr, andrós „Mann“ verbunden; der zweite Bestandteil wird wiederum mit einer indogermanischen Wurzel für „Mann“ in Verbindung gebracht. Hier zeigt sich also ein bemerkenswertes Spiel zwischen Sprache und Macht: Ein gewöhnlicher Personenname wird durch ein Ortsnamenssuffix in eine geografische Bezeichnung verwandelt. Aus Alexander wird Alexandria. Der Mensch wird zur Landschaft.

Und Alexander war keineswegs der Einzige, der dieses Prinzip verstand. In der hellenistischen Welt entstanden zahlreiche nach Herrschern oder Angehörigen der Herrscherhäuser benannte Städte. Namen wie Antiochia, Seleukeia oder Ptolemais gehören in diesen Zusammenhang. Die Stadt wurde damit nicht lediglich bezeichnet, sondern in eine politische Ordnung eingeschrieben. Das war ausgesprochen praktisch. Wer eine Stadt nach sich selbst oder nach einem Mitglied seiner Dynastie benannte, brauchte keine Werbeagentur. Der Name erledigte die Propaganda kostenlos.

Die Stadt als politisches Denkmal

Personennamen in Ortsnamen erfüllen deshalb eine Funktion, die über die reine Orientierung hinausgeht. Sie können Besitzansprüche formulieren: Diese Stadt gehört zu meiner Herrschaft. Sie können Dynastien verewigen: Diese Landschaft gehört zu unserer politischen Ordnung. Und sie können Erinnerung organisieren: Dieser Mensch soll nicht vergessen werden. Besonders deutlich wird dies bei Städten, die nach Herrschern benannt wurden. Der Name fungiert gewissermaßen als dauerhaftes Denkmal. Ein Reiterstandbild kann umgestürzt, eine Statue eingeschmolzen und ein Palast zerstört werden. Ein Ortsname ist dagegen erheblich zäher.

Das macht Ortsnamen für die historische Forschung so interessant. Sie sind eine Art kulturelle Sedimentschicht. In ihnen können längst verschwundene politische Systeme weiterleben. Der Name einer Stadt kann daher wesentlich älter sein als die politische Ordnung, die ihn hervorgebracht hat. Manchmal überlebt der Name sogar mehrere Herrschaftswechsel. Die Bevölkerung verwendet ihn weiter, obwohl die ursprüngliche Bedeutung längst verblasst ist. Aus einem politischen Programm wird dann ein sprachliches Fossil.

Von Alexandria nach Konstantinopel

Auch das Römische Reich kannte die Benennung von Städten nach Personen. Ein besonders prominentes Beispiel ist Konstantinopel, das seinen Namen mit Kaiser Konstantin dem Großen verband. Die Stadt war allerdings nicht als völlig neue Siedlung aus dem Nichts entstanden: Konstantin machte das ältere Byzantion zu einem imperialen Zentrum und entwickelte es massiv aus. Damit verändert sich das Verhältnis zwischen Person und Stadt. Der Name bezeichnet nicht mehr nur eine Neugründung, sondern kann auch eine politische Neudefinition ausdrücken. Die Stadt erhält einen neuen Platz innerhalb der symbolischen Geografie des Reiches. Ähnliche Prozesse begegnen uns in der Antike immer wieder. Städte wurden umbenannt, erweitert, neu gegründet oder als politische Zentren aufgewertet. Der neue Name sollte die neue Ordnung sichtbar machen.

Das Entscheidende ist dabei: Ein Ortsname ist keine neutrale Etikette. Er kann eine Aussage sein.

Heilige statt Herrscher

Mit der Christianisierung Europas verschiebt sich das System. Nun treten neben Könige und Kaiser zunehmend Heilige als Namensgeber auf. Das Prinzip bleibt jedoch erstaunlich stabil. Eine Stadt oder Siedlung erhält den Namen eines Heiligen und wird damit in eine religiöse Erinnerungslandschaft eingebettet. Besonders im romanischsprachigen Raum entstanden zahlreiche Ortsnamen, die auf Heilige zurückgehen, die Hagiotoponyme. Je nach Region und romanischer Sprache veränderten sich die lateinischen Wörter für „heilig“ (sanctus bzw. sancta) im Laufe der Jahrhunderte drastisch: in der Schweiz Sogn, Sogns, San oder Senda; Saint- oder Sainte-Frankreich; in Italien San, Sant’ oder Santa. Auch im germanischen Raum finden sich entsprechende Bildungen, wenn auch seltener, wie St. Gallen, St. Pölten oder St. Wendel im Saarland.

Politische Macht eines einzelnen Herrschers soll sichtbar werden, sondern die Zugehörigkeit zu einer religiösen Tradition. Damit verändert sich auch die Vorstellung davon, welche Person dauerhaft erinnerungswürdig ist. Alexander der Große repräsentiert militärische Macht und imperiale Expansion; ein Heiliger repräsentiert religiöse Autorität und Vorbildhaftigkeit.

Der Ortsname wird somit zu einem Speicher gesellschaftlicher Werte.

Könige entdecken die Landkarte

In der Neuzeit kehrt die politische Personalisierung von Ortsnamen mit neuer Energie zurück. Monarchien, Kolonialreiche und Nationalstaaten benennen Städte nach Herrschern, Mitgliedern von Herrscherhäusern oder politischen Leitfiguren. Die Preussen in Westafrika: Groß Friedrichsburg, Groß-Friedrichsburg bzw. Großfriedrichsburg war eine von 1683 bis 1717 bestehende kurbrandenburgische Kolonie in Westafrika. Sankt Petersburg (Russland), benannt nach dem Zaren oder Karlsruhe (Deutschland): 1715 gegründet von Markgraf Karl Wilhelm von Baden-Durlach. Die europäische Expansion trägt diese Praxis in andere Kontinente. Städte erhalten Namen europäischer Monarchen oder anderer politisch bedeutender Personen. Besonders im kolonialen Kontext ist das ein deutliches Zeichen symbolischer Herrschaft: Ein europäischer Name wird auf eine Landschaft übertragen, deren ursprüngliche sprachliche und kulturelle Bezeichnungen dadurch zumindest offiziell zurückgedrängt werden können. Damit wird Ortsnamengebung zu einer Form symbolischer Kartografie.

Eine Landkarte ist eben nicht bloß ein Stück Papier mit Flüssen und Bergen. Sie ist auch ein politisches Dokument. Wer Namen festlegt, entscheidet darüber, welche Geschichte auf der Karte sichtbar wird. Und manchmal entscheidet er dabei ausgesprochen großzügig über das Gedächtnis anderer Leute.

Washington und die moderne Personenkultstadt

Ein berühmtes Beispiel aus der Neuzeit ist Washington, benannt nach George Washington. Hier wird die Personalisierung des Ortes Bestandteil einer republikanischen Erinnerungskultur. Das unterscheidet Washington grundsätzlich von einer dynastischen Herrscherstadt. George Washington war kein König, und die Benennung sollte keine Erbmonarchie symbolisieren. Dennoch wird eine Person zur politischen Chiffre des Gemeinwesens. Der Name sagt nicht einfach: „Hier ist eine Stadt.“ Er sagt zugleich: „Diese Stadt gehört zu einer historischen Erzählung.“ Solche Benennungen sind deshalb nie völlig unschuldig. Sie bestimmen, welche Personen als repräsentativ für eine Gesellschaft gelten.

Das gilt auch für zahlreiche europäische Städte, Straßen und Plätze. Die Personalisierung des öffentlichen Raumes ist keineswegs auf Diktaturen beschränkt. Demokratien praktizieren sie ebenfalls – nur unter anderen institutionellen Bedingungen.

Dann kommt der Sozialismus – und Karl Marx bekommt eine Stadt

Und dann betreten wir Karl-Marx-Stadt. Was in der Antike mit Alexander begann, erscheint im 20. Jahrhundert in einer ausgesprochen modernen politischen Variante. Am 10. Mai 1953 wurde Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt. Karl Marx war allerdings niemals in Chemnitz gewesen. Die Umbenennung erfolgte auf Beschluss der SED-Führung im Zusammenhang mit dem Karl-Marx-Jahr. Das ist kulturgeschichtlich höchst aufschlussreich.

Denn nun wird nicht mehr der Gründer einer Stadt verewigt. Marx hatte die Stadt weder gegründet noch regiert. Er war kein sächsischer Landesherr, kein Stadtpatron und kein lokaler Wohltäter. Sein Name wurde vielmehr eingesetzt, um einer bestehenden Stadt eine neue politische Identität zu geben. Das hatte vorher Zarizyn am 10. April 1925 per Beschluss der sowjetischen Staats- und Parteiführung mit dem Namen Stalingrad erfahren. Genau hier liegt der entscheidende Unterschied zu Alexandria. Alexander gründete beziehungsweise etablierte Städte in einem imperialen Expansionszusammenhang und gab ihnen seinen Namen. Karl Marx wurde dagegen postum zum Namenspatron einer bereits seit Jahrhunderten bestehenden Stadt gemacht. Die Namensgebung war ein politisches Programm. Das Bundesarchiv dokumentiert, dass die Umbenennung 1953 im Rahmen des Karl-Marx-Jahres erfolgte und mit der politischen Zielsetzung der SED verbunden war. Der Ortsname wurde damit zum ideologischen Wegweiser.

Man könnte polemisch formulieren: Alexander brauchte eine Stadt für seinen Namen; die DDR brauchte einen Namen für ihre Stadt.

Der Name als Versuch, Geschichte zu organisieren

Die Umbenennung von Chemnitz zeigt besonders deutlich, welche Macht Ortsnamen besitzen können. Die Stadt war keineswegs erst 1953 entstanden. Ihre Geschichte reicht weit zurück; Chemnitz ist bereits im Mittelalter urkundlich belegt. Von 1953 bis 1990 trug sie den Namen Karl-Marx-Stadt. Der neue Name sollte daher nicht bloß eine Adresse verändern. Er sollte die historische Interpretation der Stadt verändern. Aus der traditionellen Industriestadt sollte symbolisch eine sozialistische Industriestadt werden. Die Industriegeschichte eignete sich dafür besonders gut: Chemnitz war ein bedeutendes Zentrum des Maschinenbaus und der Textilindustrie. Der neue Name konnte deshalb politisch an die Vorstellung von Arbeit, Industrie und proletarischer Gesellschaft angeschlossen werden.

Das Problem bestand nur darin, dass die Geschichte sich nicht so einfach umbenennen ließ. Menschen erinnern sich nämlich nicht ausschließlich an Ortsschilder. Sie erinnern sich an Straßen, Familiengeschichten, Kirchen, Friedhöfe, Häuser, Dialekte und lokale Traditionen. Ein neuer Name kann deshalb eine politische Realität markieren, aber nicht automatisch eine alte Identität auslöschen.

Und dann verschwindet Karl Marx wieder vom Ortsschild

1990 zeigte sich, wie vergänglich politische Ortsnamen sein können. Nach dem Ende der DDR wurde die Frage des Stadtnamens öffentlich entschieden. In einer Bürgerbefragung sprachen sich 76,1 Prozent für die Rückkehr zum historischen Namen Chemnitz aus. Am 1. Juni 1990 wurde die Rückbenennung vollzogen.

Damit war Karl Marx allerdings keineswegs vollständig aus der Stadt verschwunden. Das monumentale Marx-Denkmal blieb erhalten. Der über dreizehn Meter hohe Kopf des Philosophen steht weiterhin im Stadtzentrum und gehört inzwischen selbst zur Geschichte der Stadt. Die Chemnitzer nennen ihn volkstümlich „Nischel“.

Hier zeigt sich eine geradezu ironische Pointe der Ortsnamengeschichte: Der Name verschwindet, das Denkmal bleibt. Die Stadt hat also gewissermaßen ihre sprachliche Identität zurückbekommen, ohne ihre historische Vergangenheit abzuräumen.

Alexandria lebt, Karl-Marx-Stadt verschwindet – warum?

Warum überleben manche Personennamen Jahrtausende, während andere nach wenigen Jahrzehnten verschwinden? Die Antwort liegt nicht allein in der Sprache. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Namen, Bevölkerung und politischer Legitimität. Alexandria wurde über Jahrhunderte hinweg zu einem realen kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum. Der Name löste sich schließlich weitgehend von der ursprünglichen Person Alexander. Wer heute Alexandria sagt, denkt nicht zwangsläufig zuerst an den makedonischen König. Der Name wurde selbst zum eigenständigen Ortsnamen.

Karl-Marx-Stadt hatte dagegen eine wesentlich kürzere politische Lebensdauer. Der Name war eng mit der politischen Ordnung verbunden, die ihn geschaffen hatte. Mit deren Zusammenbruch verlor auch die Benennung ihre institutionelle Grundlage. Damit zeigt sich ein grundlegendes Gesetz der Toponomastik: Ein Ortsname überlebt nicht unbedingt deshalb, weil er alt ist, sondern weil er von einer Gemeinschaft weitergetragen wird. Sprache kann politische Macht konservieren – aber sie kann sie ebenso wieder abschütteln.

Der indogermanische Raum als sprachliches Gedächtnis

Gerade aus sprachhistorischer Sicht ist die Entwicklung faszinierend. Der indogermanische Sprachraum kennt über Jahrtausende hinweg unterschiedliche Systeme der Ortsnamengebung. Griechische, lateinische, germanische, slawische, romanische und andere Sprachtraditionen haben jeweils eigene Muster entwickelt. Personennamen bilden dabei nur einen Teil des Systems, aber einen besonders aussagekräftigen. Denn ein Personenname bezeichnet einen Menschen; ein Ortsname bezeichnet einen Raum. Wenn ersterer zum zweiten wird, findet eine bemerkenswerte Bedeutungsverschiebung statt.

Alexander wird zu Alexandria. Konstantin wird zu Konstantinopel. Marx wird zu Karl-Marx-Stadt. Die Person wird sprachlich verräumlicht. Das ist mehr als ein hübscher etymologischer Vorgang. Es bedeutet, dass Geschichte in Geografie übersetzt wird. Und genau darin liegt die politische Brisanz.

Ortsnamen sind konservativ – und deshalb gefährlich

Man könnte Ortsnamen als konservative Elemente der Sprache bezeichnen. Sie verändern sich oft langsamer als andere Wörter. Ein Name kann Jahrhunderte überdauern, obwohl kaum noch jemand seine ursprüngliche Bedeutung versteht. Das macht ihn zugleich politisch interessant. Wer einen Ortsnamen verändert, verändert etwas, das tief in den Alltag eingebaut ist. Jeder Brief, jedes Straßenschild, jede Fahrkarte und jede Landkarte wiederholt die politische Entscheidung. Eine Statue muss man ansehen. Einen Ortsnamen muss man ständig benutzen. Das ist die eigentliche Macht der Toponymie.

Die Herrscher der hellenistischen Welt wussten das. Monarchien wussten es. Nationalstaaten wussten es. Revolutionäre Regime wussten es ebenfalls. Und moderne Gesellschaften wissen es spätestens dann, wenn darüber gestritten wird, ob eine Straße, ein Platz oder eine Stadt noch den Namen einer historischen Persönlichkeit tragen soll.

Lutherstadt Eisleben und Lutherstadt Wittenberg: Wenn der Reformator zum Ortsnamen wird

Ein besonders schönes Beispiel aus dem deutschen Sprachraum bieten Lutherstadt Eisleben und Lutherstadt Wittenberg. Beide Städte tragen den Namen Martin Luthers nicht anstelle ihres historischen Ortsnamens, sondern als offiziellen Zusatz. Sprachgeschichtlich ist das besonders interessant, denn hier wird keine Stadt nach einem Politiker umbenannt. Vielmehr wird eine bereits bestehende Stadt durch einen Personennamen mit einer bestimmten historischen Erinnerung versehen.

Eisleben besitzt dabei eine besonders starke Verbindung zu Luther: Martin Luther wurde dort 1483 geboren und starb dort 1546. Wittenberg wiederum war der wichtigste Wirkungsort des Reformators. Hier lehrte Luther an der Universität, hier entwickelte sich ein Zentrum der Reformation, und mit Wittenberg verbindet sich die berühmte Überlieferung vom Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche. Die beiden Ortsnamen funktionieren deshalb unterschiedlich. Lutherstadt Eisleben erinnert an Luthers Herkunft und Tod, Lutherstadt Wittenberg an sein Wirken. Der Personenname fungiert in beiden Fällen als historisches Prädikat.

Bemerkenswert ist außerdem die sprachliche Konstruktion. Lutherstadt ist keine klassische Ableitung wie Alexandria, bei der aus einem Personennamen unmittelbar ein neuer Ortsname entsteht. Es handelt sich vielmehr um eine Zusammensetzung aus Luther + Stadt. Der ursprüngliche Ortsname bleibt erhalten: Eisleben bleibt Eisleben, Wittenberg bleibt Wittenberg. „Lutherstadt“ wird ihm gewissermaßen als historische Visitenkarte vorangestellt. Damit unterscheidet sich das Verfahren deutlich von Karl-Marx-Stadt. Dort wurde der traditionelle Ortsname vollständig verdrängt. Bei Eisleben und Wittenberg dagegen bleibt die ältere Ortsidentität bestehen. Der Zusatz sagt nicht: „Diese Stadt heißt jetzt Luther.“ Er sagt vielmehr: „Diese Stadt besitzt eine besonders enge historische Beziehung zu Luther.“ Das ist ein erheblicher Unterschied.

Die Benennung wurde in der DDR eingeführt: Eisleben erhielt 1946 den Namenszusatz „Lutherstadt“, Wittenberg folgte 1949. Die politische Situation ist dabei nicht nebensächlich. Luther konnte in der DDR zunächst keineswegs selbstverständlich als unproblematische nationale Identifikationsfigur gelten. Dennoch wurde seine historische Bedeutung zunehmend auch staatlich für die kulturelle und touristische Selbstdarstellung genutzt. Gerade darin zeigt sich erneut die eigentümliche Macht von Ortsnamen. Ein historischer Name kann von unterschiedlichen politischen Systemen unterschiedlich interpretiert werden. Luther blieb derselbe historische Mensch; seine politische und kulturelle Verwendung konnte sich jedoch verändern. Und so stehen heute zwei bemerkenswerte Ortsnamen auf der Landkarte: Lutherstadt Eisleben und Lutherstadt Wittenberg. Beide bewahren den mittelalterlichen beziehungsweise frühneuzeitlichen Ortsnamen und verbinden ihn mit einer Person, deren Wirkung weit über die beiden Städte hinausging.

Im Vergleich zu Alexandria und Karl-Marx-Stadt zeigt sich damit eine dritte Möglichkeit der politischen und kulturellen Personalisierung von Orten: Man muss eine Stadt nicht umbenennen, um einen Menschen in ihr dauerhaft sichtbar zu machen. Manchmal reicht ein Zusatz.

Das ist vielleicht sogar die diplomatischere Variante. Die Stadt darf ihren alten Namen behalten, während der historische Held trotzdem prominent auf dem Ortsschild erscheint.

Von Alexander bis Marx

Die Geschichte von Alexandria bis Karl-Marx-Stadt zeigt deshalb keine einfache Kontinuität, sondern eine erstaunliche Wiederkehr eines sprachlichen Prinzips. Menschen versuchen, sich in der Landschaft zu verewigen. Alexander tat es als Eroberer und Stadtgründer. Kaiser taten es als Herrscher. Heilige wurden zu Namenspatronen religiöser Orte. Monarchen erschienen auf Karten. Republikanische Gesellschaften verewigten politische Gründergestalten. Sozialistische Staaten machten aus politischen Leitfiguren Bestandteile der Stadtgeografie. Doch die Landschaft besitzt eine unangenehme Eigenschaft: Sie ist geduldiger als die Politik.

Regierungen verschwinden. Dynastien sterben aus. Ideologien verlieren ihre Macht. Grenzen werden verschoben. Denkmäler werden abgebaut oder bleiben stehen. Und manchmal kehrt auf dem Ortsschild einfach der alte Name zurück. Alexandria blieb Alexandria. Karl-Marx-Stadt wurde wieder Chemnitz.

Der Unterschied liegt nicht nur in Alexander und Marx. Er liegt darin, dass ein Name irgendwann mehr sein kann als die Erinnerung an einen Menschen. Wenn eine Gesellschaft ihn über Generationen übernimmt, wird aus politischer Benennung Sprache. Wenn sie ihn dagegen als fremde politische Aufschrift empfindet, kann der Name mit erstaunlicher Geschwindigkeit verschwinden. Der Ortsname ist deshalb vielleicht eines der subtilsten historischen Dokumente überhaupt. Er steht scheinbar unbeweglich auf der Landkarte und erzählt doch von Eroberungen, Religionen, Dynastien, Revolutionen und politischen Systemwechseln. Und gelegentlich erinnert er uns daran, dass selbst der mächtigste Mensch der Weltgeschichte nicht unbedingt das letzte Wort hat.

Man kann eine Stadt nach einem Menschen benennen. Aber man kann nicht garantieren, dass die Stadt diesen Menschen behalten möchte.

Autor: Stefan Knorr, M.A. (Germanistik, Politik, Psychologie), Lehrer und Geschichtsblogger
Schwerpunkt: Philologie und Antike, Politik und Zeitgeschichte

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