Die Smuta – Russlands erste „Zeit der Wirren“ 1598 bis 1613

Der Weg von den letzten Rjurikiden zu den ersten Romanovs im Spiegel westlicher Reiseberichte

Wenn ein Staat seine Dynastie verliert, ist das zunächst ein genealogisches Problem. Wenn er gleichzeitig Hunger, Krieg, Aufstände, religiöse Spannungen, ausländische Interventionen und mehrere Männer erlebt, die behaupten, der rechtmäßige Zar zu sein, wird daraus ein politisches Großexperiment. Und wenn schließlich auch noch ausländische Reisende, Diplomaten und Kaufleute ihre Eindrücke darüber zu Papier bringen, entsteht jene eigentümliche Mischung aus Staatskrise und Reiseliteratur, die uns die russische Smuta, die „Zeit der Wirren“, bis heute besonders plastisch erscheinen lässt.

Die Smuta bezeichnet im engeren Sinne die Jahre von 1598 bis 1613: Sie begann mit dem Tod des Zaren Fjodor I., des letzten Herrschers aus der Moskauer Linie der Rjurikiden, und endete mit der Wahl Michail Romanovs zum Zaren. Historiker haben allerdings unterschiedliche Anfangspunkte vorgeschlagen; manche setzen die Krise bereits mit dem Tod Iwans IV. 1584 an, andere erst mit den Unruhen ab 1603. Für die westlichen Beobachter war das Ganze ein bemerkenswertes Schauspiel. Sie sahen ein riesiges Reich, dessen politische Ordnung ihnen ohnehin fremdartig erschien, plötzlich in eine Krise geraten, die ihre schlimmsten Vorstellungen über „Moskowien“ zu bestätigen schien. Besonders die englischen Reisenden und Diplomaten Giles Fletcher und Jerome Horsey hinterließen Schilderungen, die nicht nur Informationen über Russland liefern, sondern zugleich sehr viel über die Vorurteile des Westens gegenüber Russland verraten.

Das Ende einer Dynastie

Die Rjurikiden konnten auf eine politische Tradition zurückblicken, die bis in die Frühgeschichte der Rus zurückreichte. Ihre Herrschaft war nicht einfach die eines Königshauses nach westeuropäischem Muster. Die Moskauer Zaren hatten seit dem 15. Jahrhundert eine immer stärker zentralisierte Herrschaft aufgebaut, und unter Iwan IV., dem „Schrecklichen“, hatte sich die Vorstellung vom autokratischen Zaren weiter verfestigt. Doch Dynastien haben eine unangenehme biologische Eigenschaft: Sie sterben aus.

Iwan IV. starb 1584. Sein Sohn Fjodor I. war persönlich wenig geeignet, die komplizierte politische Maschinerie des Moskauer Staates zu kontrollieren. Die tatsächliche politische Macht lag weitgehend bei Boris Godunov, einem einflussreichen Angehörigen des Hofes. Als Fjodor 1598 kinderlos starb, war das dynastische Problem plötzlich nicht mehr theoretisch. Die Moskauer Rjurikiden waren in ihrer herrschenden Linie erloschen. Damit entstand eine Legitimitätslücke. Wer durfte Zar sein? Das klingt nach einer harmlosen Frage für ein genealogisches Seminar. In der Moskauer Wirklichkeit war es ungefähr so gefährlich wie die Frage, wer in einem Pulvermagazin den Schlüssel besitzt. Boris Godunov wurde zum Zaren gewählt. Er war kein Rjurikide, konnte also nicht einfach mit der dynastischen Selbstverständlichkeit auftreten, die seine Vorgänger besessen hatten. Seine Herrschaft war politisch durchaus leistungsfähig, aber ihre Legitimation blieb verwundbar.

Ausgerechnet westliche Beobachter hatten die Möglichkeit eines solchen Problems bereits vor dem eigentlichen Ausbruch der Smuta erkannt. Giles Fletcher, englischer Diplomat und Verfasser von Of the Russe Common Wealth von 1591, beschrieb nicht nur die politische Ordnung Moskaus, sondern bemerkte auch die prekäre Stellung des jungen Zarewitsch Dmitri, des jüngsten Sohnes Iwans IV. Fletcher sah in dessen möglichem Tod eine erhebliche Gefahr für die dynastische Zukunft. Der ausländische Beobachter hatte damit einen entscheidenden Punkt getroffen: Das russische Problem lag nicht nur darin, wer regierte. Das Problem war, ob überhaupt noch jemand glaubwürdig sagen konnte, warum gerade er regieren durfte.

Hunger als politischer Sprengstoff

Dann kam die Katastrophe. Zwischen 1601 und 1603 wurde Russland von schweren Missernten getroffen. Kälte, schlechte Ernten und Versorgungskrisen führten zu einer Hungersnot von außergewöhnlichem Ausmaß. Die Krise traf eine Gesellschaft, deren Landwirtschaft stark von klimatischen Bedingungen abhängig war und deren Transport- und Versorgungssysteme nur begrenzte Möglichkeiten besaßen, regionale Engpässe auszugleichen. Hunger ist politisch selten neutral.

Wenn Menschen hungern, interessiert sie die juristische Qualität einer dynastischen Legitimation deutlich weniger als die Frage, woher die nächste Mahlzeit kommt. Der Staat geriet dadurch zusätzlich unter Druck. Flüchtlinge, Bettler, vagabundierende Gruppen und bewaffnete Banden bewegten sich durch das Land. Die ohnehin fragile Ordnung verlor weiter an Stabilität. Boris Godunov starb 1605. Sein Sohn Fjodor II. konnte sich nur kurz halten und wurde ermordet.

Damit begann der vielleicht bizarrste Teil der Smuta: das Zeitalter der falschen Zaren.

Der Mann, der behauptete, Dmitri zu sein

Der erste sogenannte Falsche Dmitri war ein politisches Phänomen von bemerkenswerter Dreistigkeit. Er behauptete, der 1591 in Uglitsch gestorbene Zarewitsch Dmitri zu sein – und damit der rechtmäßige Erbe des Zarenthrons. Das Problem: Dmitri war tot. Oder vielleicht doch nicht? Politische Legitimität funktioniert manchmal erstaunlich gut, wenn genügend Menschen bereit sind, eine Geschichte zu glauben, die ihnen nützt. Der Falsche Dmitri I. gewann Unterstützer unter polnisch-litauischen Magnaten und drang mit militärischer Unterstützung nach Russland vor. 1605 gelang ihm der Einzug in Moskau und die Übernahme des Zarenthrons. Er heiratete Marina Mniszech, eine katholische Polin, und versuchte, seine Herrschaft zu konsolidieren.

Das Experiment dauerte kaum ein Jahr. 1606 wurde Dmitri bei einer durch den Fürsten Wassili Iwanowitsch Schuiski und seine Brüder angezettelten Revolte ermordet. Sein Körper wurde öffentlich zur Schau gestellt; seine Herrschaft zerfiel so schnell, wie sie entstanden war. Doch damit war die Geschichte keineswegs erledigt. Im Gegenteil: Es erschien ein zweiter Falscher Dmitri. Wer nun erwartet, dass die politische Realität wenigstens aus dem ersten Versuch gelernt hätte, unterschätzt die Kreativität dynastischer Krisen.

Wenn jeder Zar werden kann

Mit Wassili Schuiski kam 1606 ein neuer – kein falscher – Zar an die Macht. Doch seine Stellung war schwach. Aufstände, soziale Konflikte und rivalisierende Machtgruppen bedrohten seine Herrschaft. Besonders bedeutsam war der Aufstand unter Iwan Bolotnikow 1606/07, der verschiedene soziale Gruppen zusammenführte. Die Smuta war damit längst mehr als ein dynastischer Streit geworden. Bauern, Kosaken, Dienstleute, Adelige und politische Abenteurer konnten ihre eigenen Interessen in den allgemeinen Zusammenbruch der Ordnung einbringen.

Ein zweiter falscher Dmitri etablierte sich anschließend in Tuschino nahe Moskau. Von dort aus entstand ein konkurrierendes Machtzentrum. Russland besaß nun gewissermaßen zwei politische Realitäten gleichzeitig: den Zaren in Moskau und seinen Gegen-Zaren vor den Toren der Hauptstadt. Der zweite Falsche wurde bald umgebracht. Doch vorher, 1608 kontrollierte der zweite Usurpator ein riesiges Territorium. Da Zar Wassili Schuiski sich nicht mehr anders zu helfen wusste, als die Schweden zu Hilfe zu holen, kam es zur offenen Intervention Polens 1609. Die meisten Anhänger des Hofs von Tuschino wechselten nun schnell auf die Seite König Sigismund III. Wasa. Der Usurpator floh vor den Truppen Wassili Schuiskis nach Kaluga, wo er bald darauf getötet wurde

Für westliche Beobachter musste das ausgesprochen verwirrend gewesen sein. Ein politisches System, das aus westlicher Perspektive ohnehin schwer durchschaubar war, produzierte nun gleichzeitig mehrere Herrschaftsansprüche, militärische Lager und wechselnde Bündnisse. Doch gerade diese Berichte sind für Historiker wertvoll – wenn man sie mit Vorsicht liest.

Der westliche Blick: Beobachtung und Vorurteil

Die westlichen Reiseberichte über Russland sind keine neutralen Kameras. Sie sind Berichte von Diplomaten, Händlern, Gesandten und Reisenden, die mit bestimmten Erwartungen nach Moskau kamen. Sie wollten Handelsmöglichkeiten erkunden, politische Informationen gewinnen, diplomatische Interessen vertreten oder ihre eigene Gesellschaft über das exotische „Moskowien“ informieren. Der englische Kaufmann und Diplomat Jerome Horsey etwa verbrachte längere Zeit in Russland und hinterließ umfangreiche Aufzeichnungen. Giles Fletcher wiederum verfasste 1591 eine systematische Beschreibung des Moskauer Staates. Beide Texte gehören zu den wichtigen englischen Quellen für das Russland des späten 16. Jahrhunderts.

Dabei fällt ein wiederkehrendes Muster auf: Westliche Autoren beschrieben Russland häufig als politisch despotisch, gesellschaftlich rückständig und kulturell fremdartig. Die englischen Berichte konnten ausgesprochen scharf formuliert sein. Die russische Gesellschaft erschien ihnen hierarchisch, streng und stark vom Zaren abhängig. Man sollte deshalb zwei Fragen gleichzeitig stellen. Was berichtet der Reisende über Russland? Und was berichtet er – vielleicht unbewusst – über seine eigenen Vorstellungen von Russland? Das ist eine zentrale methodische Frage der historischen Quellenkritik. Reiseberichte sind nämlich keine Fenster ohne Glas. Sie sind Fenster mit Rahmen.

Besonders deutlich wird dies bei Fletcher. Sein Werk wurde wegen seiner scharfen Kritik am Moskauer Staat von der Muscovy Company mit Misstrauen betrachtet, weil man negative Darstellungen als Gefahr für die wirtschaftlichen Beziehungen und Handelsprivilegien betrachtete. Der Reisende beobachtete also nicht nur Russland. Er schrieb zugleich innerhalb eines englischen politischen und wirtschaftlichen Interessenfeldes.

Polen-Litauen greift ein

Die Smuta entwickelte sich schließlich zu einem internationalen Konflikt. Das polnisch-litauische Commonwealth griff in die russische Krise ein. König Sigismund III. Wasa verfolgte eigene machtpolitische Ziele, während verschiedene russische Fraktionen ausländische Unterstützung suchten. Schweden wiederum engagierte sich ebenfalls. 1609 begann der offene polnisch-russische Krieg. 1610 erlitt das russische Heer eine schwere Niederlage bei Kluschino. In Moskau wurde Schuiski gestürzt und schließlich als Mönch inhaftiert. Nun entstand ein Machtvakuum. Die sogenannte Sieben-Bojaren-Regierung übernahm die Kontrolle. Polnische Truppen marschierten in Moskau ein. Der polnische Prinz Władysław wurde als möglicher Zar vorgesehen.

Damit war die Smuta endgültig zu einer Krise geworden, in der nicht mehr nur russische Gruppen um den Thron kämpften. Die Frage lautete nun auch: Würde Moskau einen ausländischen Herrscher akzeptieren? Die Antwort fiel letztlich negativ aus.

Minin, Poscharski und die Rückeroberung Moskaus

Aus Nischni Nowgorod entwickelte sich eine neue Widerstandsbewegung. Der Kaufmann Kusma Minin spielte eine wichtige Rolle bei der Organisation und Finanzierung einer Volksmiliz. An ihrer Spitze stand Fürst Dmitri Poscharski. 1612 gelang es dieser Armee, die polnische Besatzung Moskaus zur Kapitulation zu zwingen. Die Bedeutung dieses Ereignisses ist erheblich. Die Smuta war damit nicht einfach durch einen neuen Dynasten beendet worden. Der Zusammenbruch der staatlichen Ordnung hatte Gegenkräfte hervorgebracht, die eine Wiederherstellung politischer Einheit ermöglichten.

Die russische Geschichte erhielt dadurch eine neue politische Erzählung: Nicht nur eine Dynastie war gerettet worden; das Gemeinwesen selbst hatte sich gegen innere Zersetzung und ausländische Intervention behauptet. Das ist zumindest die spätere Erinnerung. Historiker müssen hier wiederum vorsichtig sein. Nationale Erinnerung ist keine stenografische Mitschrift der Vergangenheit. Sie ist eine nachträgliche Ordnung des Chaos.

Der dritte falsche Dmitri – der letzte Anwärter

Nach dem Scheitern des zweiten falschen Dmitri war die Bühne für einen dritten Thronprätendenten eigentlich schon erstaunlich gut vorbereitet. Der dritte falsche Dmitri tauchte 1611 auf und behauptete ebenfalls, der 1591 in Uglitsch gestorbene Zarewitsch Dmitri zu sein. Seine tatsächliche Herkunft ist unbekannt. Unterstützt wurde er vor allem von Kosaken und unruhigen Gruppen im Raum Pskow und Nowgorod.

Sein politischer Einfluss blieb deutlich geringer als der seiner beiden Vorgänger. Zwar gelang es ihm zeitweise, Anhänger um sich zu sammeln und Pskow unter seinen Einfluss zu bringen, doch eine ernsthafte Herrschaft über Moskau konnte er nicht errichten. Schon 1612 wurde er gefangen genommen und hingerichtet.

Damit verschwand auch der letzte der großen „Dmitris“ von der politischen Bühne. Die Episode zeigt geradezu grotesk, wie tief die Legitimitätskrise der Smuta geworden war: Ein toter Zarensohn konnte innerhalb weniger Jahre gleich mehrfach politisch „wiederauferstehen“. Die Tatsache, dass solche Ansprüche überhaupt Anhänger fanden, sagt deshalb weniger über die Glaubwürdigkeit der einzelnen Dmitris aus als über das enorme Bedürfnis der russischen Gesellschaft nach einem anerkannten Herrscher.

1613: Der Romanov kommt

1613 trat der Semski Sobor zusammen, eine Versammlung verschiedener gesellschaftlicher und politischer Gruppen. Zum Zaren wurde der erst sechzehnjährige Michail Fjodorowitsch Romanov gewählt. Damit begann die Dynastie der Romanovs. Doch die Wahl war nicht einfach der märchenhafte Moment, in dem Russland nach Jahren des Chaos endlich wieder den „richtigen“ König fand. Michail war politisch akzeptabel, gerade weil er selbst noch keine übermächtige Hausmacht aufgebaut hatte. Seine Familie besaß Verbindungen zu wichtigen Adelsgruppen, und sein Vater Filaret spielte später eine zentrale politische Rolle.

Die Romanovs waren also weniger die logische Fortsetzung der Rjurikiden als eine neue politische Lösung für ein altes Legitimationsproblem. Das Entscheidende war nicht, dass plötzlich wieder Ordnung herrschte. Das Entscheidende war, dass eine neue Dynastie eine Ordnung schaffen konnte, die sich anschließend als legitim etablierte.

Was die westlichen Reiseberichte wirklich zeigen

Die Reiseberichte westlicher Beobachter sind deshalb besonders interessant, weil sie die Smuta aus einer Perspektive zeigen, die nicht vollständig in die spätere russische Erinnerung eingebunden ist. Sie beschreiben Moskau als fremde Welt, als stark hierarchische Gesellschaft und als Staat, dessen politische Ordnung für westliche Besucher schwer verständlich war. Gleichzeitig dokumentieren sie die erstaunliche Widerstandsfähigkeit des Moskauer Staates. Denn trotz Bürgerkrieg, Hungersnot, Aufständen und ausländischer Intervention verschwand das politische Gemeinwesen nicht. Das ist vielleicht die wichtigste Lehre der Smuta.

Ein Staat kann eine Dynastie verlieren, ohne selbst zu verschwinden. Er kann mehrere Herrscher haben, ohne dass seine Verwaltung vollständig zusammenbricht. Er kann von ausländischen Truppen besetzt werden und dennoch politische Kräfte hervorbringen, die die Besetzung beenden. Die westlichen Quellen helfen dabei, diesen Prozess sichtbar zu machen. Sie liefern Nachrichten über Hof, Gesellschaft, Verwaltung, Militär und politische Konflikte. Zugleich müssen sie kritisch gelesen werden, weil ihre Autoren mit eigenen kulturellen Kategorien arbeiteten.

Besonders reizvoll ist dabei die zeitliche Nähe mancher Beobachtungen. Fletcher schrieb noch vor dem eigentlichen Ausbruch der Smuta und beschrieb bereits die dynastischen Schwachstellen des Systems. Horsey wiederum erlebte Russland aus unmittelbarer Nähe und hinterließ Material, das den Übergang vom spät-rjurikidischen zum romanovischen Russland erhellt. Die englische Überlieferung gehört deshalb zu einem größeren europäischen Korpus von Reise-, Diplomaten- und Handelsberichten über Moskau.

Eine russische Krise – und ein europäisches Schauspiel

Die Smuta war also weder bloß ein russischer Bürgerkrieg noch eine simple Abfolge schlechter Zaren. Sie war eine Mehrfachkrise: dynastisch, sozial, wirtschaftlich, militärisch und international. Ihr Ausgang war bemerkenswert. Aus dem Ende der Rjurikiden entstand nicht die Auflösung Russlands, sondern die Grundlage für eine neue Dynastie, die das Land über drei Jahrhunderte beherrschen sollte.

Die westlichen Reisenden hatten dabei einen privilegierten, aber keineswegs neutralen Blick. Sie sahen eine Gesellschaft, die ihnen fremd erschien, und interpretierten sie mit den Kategorien ihrer eigenen politischen Kultur. Gerade deshalb sind ihre Texte so wertvoll. Sie zeigen nicht nur Russland, sondern auch Europa beim Versuch, Russland zu verstehen. Und Europa hatte dabei offenbar schon damals ein Problem, das Historiker bis heute kennen: Wenn eine fremde Gesellschaft kompliziert ist, ist es sehr verführerisch, sie einfach für rätselhaft zu erklären. Die Smuta verdient jedoch etwas Besseres als exotische Bewunderung oder westliche Herablassung. Sie war eine der großen politischen Krisen des frühneuzeitlichen Europa. Ihr eigentliches Thema war die Frage, was geschieht, wenn dynastische Legitimität zerbricht und keine allgemein akzeptierte Alternative bereitsteht.

Die Antwort des frühen 17. Jahrhunderts lautete: Es kann ziemlich lange dauern, bis wieder jemand auf dem Thron sitzt, den genügend Menschen für den richtigen halten. 1613 saß dort Michail Romanov. Die Rjurikiden waren Geschichte. Die Romanovs hatten begonnen. Und die westlichen Reisenden hatten währenddessen fleißig Notizen gemacht.

Autor: Stefan Knorr, M.A. (Germanistik, Politik, Psychologie), Lehrer und Geschichtsblogger

Schwerpunkt: Philologie und Antike, Politik und Zeitgeschichte

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