Zwischen Rechtlosigkeit, Aufstieg und öffentlichem Ruhm
Wer über die römische Gesellschaft spricht, landet früher oder später bei einer unangenehmen Wahrheit: Das Imperium Romanum war nicht nur eine Gesellschaft von Senatoren, Legionären, Händlern, Bauern und Philosophen, sondern auch eine Gesellschaft von Sklaven. Und zwar in einem Ausmaß, das moderne Vorstellungen von „Dienstboten“ oder „abhängig Beschäftigten“ gründlich sprengt. Sklaven waren rechtlich Eigentum. Sie konnten verkauft, vererbt, verschenkt und – unter bestimmten Bedingungen – freigelassen werden. Zugleich konnten sie erstaunliche soziale Aufgaben übernehmen, Vermögen verwalten, Unternehmen führen, in kaiserlichen Diensten Karriere machen und nach ihrer Freilassung zu wirtschaftlich erfolgreichen Mitgliedern der Gesellschaft werden. Das römische Paradox lautet deshalb: Der Sklave konnte sozial mächtig sein, ohne rechtlich frei zu sein; der Freigelassene konnte reich sein, ohne gesellschaftlich völlig gleichgestellt zu sein. Und irgendwo zwischen diesen beiden Kategorien stehen die Gladiatoren, die besonders spektakulär zeigen, wie flexibel und zugleich brutal die römische Gesellschaft mit Menschen umgehen konnte.
Sklaverei als Bestandteil des römischen Alltags
Sklaverei war im römischen Reich kein Randphänomen. Sklaven arbeiteten auf Gütern, in Werkstätten, Haushalten, Bergwerken, Verwaltungen und im Handel. Manche waren hochqualifizierte Schreiber, Ärzte, Lehrer oder Verwalter; andere verrichteten körperliche Schwerstarbeit unter Bedingungen, die kaum Spielraum für persönliche Selbstbestimmung ließen. Die Herkunft der Sklaven war unterschiedlich. Kriegsgefangene bildeten einen wichtigen Teil des Nachschubs, daneben gab es Menschen, die durch Piraterie, Handel oder Geburt in Sklaverei gerieten. Kinder einer Sklavin waren grundsätzlich ebenfalls Sklaven. Das römische Recht behandelte den servus nicht als vollwertige Rechtsperson, sondern als Teil des Vermögens seines Eigentümers. Damit ist bereits ein wichtiger Punkt erreicht: „Sklave“ bezeichnete nicht automatisch eine bestimmte soziale oder ethnische Gruppe. Ein Sklave konnte aus Italien, Griechenland, Gallien, Thrakien, Kleinasien, Afrika oder den nördlichen Grenzgebieten stammen. Die römische Sklavengesellschaft war deshalb ethnisch ausgesprochen vielfältig.
Gerade das macht die Frage nach den Germanen interessant.
Germanen als Sklaven Roms?
Ja, es gibt Quellen für Germanen, die in römische Abhängigkeit gerieten. Allerdings muss man sich vor einer allzu einfachen Vorstellung hüten. „Germanen“ waren kein einheitliches Volk, das irgendwo geschlossen auftrat und anschließend in römischen Sklavenmärkten verschwand. Der Begriff Germani ist eine römische Sammelbezeichnung für zahlreiche Gruppen jenseits beziehungsweise entlang des Rheins und später auch der Donau. Kriege, Raubzüge, Gefangennahmen und politische Auseinandersetzungen konnten Menschen aus diesen Gebieten in römische Gefangenschaft bringen. Tacitus beschreibt in seiner Germania auch die Sklaverei bei den Germanen selbst. Bemerkenswert ist seine Beobachtung, dass germanische Sklaven häufig nicht wie römische Haussklaven eingesetzt würden, sondern eine Art wirtschaftlich abhängige Stellung auf bäuerlichen Höfen einnähmen. Freigelassene hätten bei den Germanen, so Tacitus, nur selten hohes Ansehen erlangt. Tacitus ist allerdings mit Vorsicht zu lesen. Seine Germania ist keine moderne ethnographische Feldstudie, sondern ein literarisches Werk, das römische Vorstellungen über die Germanen mit moralischer Kritik an der eigenen Gesellschaft verbindet. Wenn Tacitus also behauptet, die Germanen seien in bestimmten Bereichen „einfacher“ oder „ursprünglicher“, sollte man nicht automatisch annehmen, er habe soeben einen objektiven Forschungsbericht aus dem Jahre 98 n. Chr. veröffentlicht.
Die Römer hatten schließlich eine lange Tradition darin, fremde Völker gleichzeitig zu bewundern, zu fürchten und literarisch für die eigene Gesellschaft zu benutzen.
Der Freigelassene: Frei, aber nicht ganz gleich
Wer aus der Sklaverei entlassen wurde, war ein libertus beziehungsweise eine liberta. Die Freilassung, die manumissio, konnte auf verschiedenen Wegen erfolgen und hatte erhebliche rechtliche Bedeutung. Der ehemalige Sklave wurde nicht einfach zu einem völlig beliebigen neuen Menschen. Zwischen Freigelassenem und ehemaligem Besitzer blieb eine besondere Beziehung bestehen: Der ehemalige Herr wurde zum Patron. Diese Patronatsbeziehung war ein wesentlicher Bestandteil römischer Gesellschaftsordnung. Der Freigelassene war frei, aber seine Vergangenheit blieb sozial sichtbar.
Besonders interessant ist die Namensgebung. Ein Freigelassener nahm typischerweise die tria nomina seines ehemaligen Besitzers beziehungsweise dessen Familiennamen an und behielt daneben seinen ursprünglichen Namen als Cognomen. So konnte eine Inschrift noch lange nach der Freilassung eine soziale Vergangenheit erkennen lassen, die im Alltag vielleicht längst keine große Rolle mehr spielte. Das römische Gesellschaftssystem war damit ausgesprochen pragmatisch: Man konnte einen Menschen aus der Sklaverei entlassen und ihm wirtschaftliche Möglichkeiten eröffnen, ohne deshalb die gesellschaftliche Hierarchie grundsätzlich abzuschaffen.
Und genau hier beginnt die römische Spezialität: Aufstieg ja – Revolution bitte nicht.
Freigelassene im Dienste des Kaisers
Besonders deutlich wird diese Dynamik im kaiserzeitlichen Verwaltungsapparat. Freigelassene konnten im Umfeld des Kaisers erhebliche Funktionen übernehmen. Sie arbeiteten als Schreiber, Verwalter und Organisatoren und konnten dadurch beträchtlichen Einfluss gewinnen. Das war für die traditionelle römische Oberschicht nicht immer angenehm. Ein Senator konnte sich über einen kaiserlichen Freigelassenen empören, der formal eine niedrigere soziale Herkunft hatte, praktisch aber Zugang zum Kaiser besaß und über Verwaltungsvorgänge entscheiden konnte. Die kaiserliche Verwaltung bot Freigelassenen deshalb Möglichkeiten, die in der republikanischen Gesellschaft wesentlich schwerer vorstellbar gewesen wären. Auch in militärischen Zusammenhängen sind Sklaven und Freigelassene epigraphisch gut belegt. Eine Untersuchung römischer Militärinschriften aus dem 1. bis 3. Jahrhundert n. Chr. erfasst rund 915 Inschriften mit Sklaven oder Freigelassenen im Umfeld von Soldaten und Veteranen; dabei überwiegen die Zeugnisse für Freigelassene deutlich.
Das ist ein wichtiger Hinweis auf die Grenzen unserer literarischen Überlieferung. Die römischen Schriftsteller erzählen gerne von Feldherren, Kaisern und politischen Intrigen. Die Steine erzählen dagegen manchmal von Menschen, die in den großen Geschichtswerken überhaupt nicht vorkommen.
Und dann kommen die Gladiatoren
Gladiatoren sind für das Thema Sklaverei besonders aufschlussreich, weil ihr sozialer Status keineswegs einheitlich war. Viele Gladiatoren waren Sklaven, Kriegsgefangene oder verurteilte Personen. Andere traten freiwillig in die Arena ein. Freie Männer, die sich vertraglich dem Gladiatorenberuf verschrieben, wurden als auctorati bezeichnet. Auch Freigelassene konnten Gladiatoren werden. Selbst Angehörige der Oberschicht traten gelegentlich freiwillig auf – eine soziale Kuriosität, die den Römern offenbar zugleich peinlich und faszinierend erschien. Der Gladiator war deshalb weder einfach „der Sklave mit Schwert“ noch automatisch ein zum Tode verurteilter Verbrecher.
Die Quellen zeigen eine erstaunlich differenzierte Welt. Inschriften nennen Gladiatorentypen, Kampfnamen, Herkunft, Siege, Kampferfahrung und manchmal persönliche Beziehungen. Grabinschriften können sogar zeigen, dass Gladiatoren nach ihrem Tod mit durchaus aufwendigen Denkmälern geehrt wurden. Inschriften und Graffiti gelten deshalb als besonders wichtige Quellen für die Lebenswelt der Gladiatoren. Man könnte beinahe sagen: Der Römer war bereit, einen Menschen gesellschaftlich zu verachten und ihn gleichzeitig auf dem Grabstein zu bewundern. Das ist kein Widerspruch, sondern ziemlich genau die römische Gesellschaft.
Gab es germanische Gladiatoren?
Hier wird es spannend. Die kurze Antwort lautet: Es gibt Hinweise auf Gladiatoren mit germanischem Bezug, aber man muss sehr genau unterscheiden, was tatsächlich belegt ist.
Zunächst wurden bestimmte Gladiatorentypen mit fremden Völkern verbunden. Thraex, Samnis, Murmillo und andere Bezeichnungen verweisen teilweise auf ethnische oder militärische Vorstellungen, die im Laufe der Zeit zu standardisierten Arena-Typen wurden. Ein Gladiator, der als Thraex auftrat, musste deshalb keineswegs tatsächlich aus Thrakien stammen. Der Name bezeichnete zunehmend einen Kampftyp. Dasselbe Problem stellt sich bei den Germanen. Besonders interessant ist eine Inschrift aus Gades, dem heutigen Cádiz. Sie nennt einen Gladiator namens Germanus, bezeichnet ihn als Samnis, gibt eine griechische Herkunft an und nennt vierzehn Kämpfe. Die Inschrift ist für die Forschung deshalb ausgesprochen interessant, weil der Name Germanus hier gerade nicht beweist, dass der Mann germanischer Herkunft war. Die erhaltene Forschung behandelt ihn vielmehr als einen griechischstämmigen Gladiator. Das ist philologisch ausgesprochen lehrreich.
Germanus kann nämlich ein Personenname sein. Aus einem Namen darf man nicht automatisch eine ethnische Herkunft ableiten. Wer „Germanus“ heißt, muss nicht aus Germania stammen – genauso wenig wie ein Römer mit dem Namen Gallus zwingend aus Gallien kommen muss. Noch komplizierter wird die Sache dadurch, dass Germanus als Name auch bei Freigelassenen und anderen Personen vorkommt. Selbst außerhalb des Gladiatorenwesens ist der Name epigraphisch belegt.
Der Name allein ist also kein ethnischer Personalausweis.
Was sagen die Quellen über tatsächliche Germanen?
Hier besitzen wir mehrere Quellengruppen. Da sind zunächst die literarischen Autoren: Caesar beschreibt die Germanen in De bello Gallico, Tacitus widmet ihnen seine Germania, später berichten unter anderem Cassius Dio und andere Autoren über die germanischen Völker und die Kriege Roms. Dann kommen Inschriften und Militärdiplome hinzu. Sie können Personen nennen, die aus germanischen Regionen stammten oder in römischen Einheiten dienten. Schließlich gibt es archäologische Befunde, darunter Grabdenkmäler, Waffen, Keramik und andere materielle Zeugnisse. Besonders interessant ist die Verbindung zwischen Germanen und dem römischen Militär. Germanische Männer konnten in römischen Hilfstruppen dienen, und germanische Gruppen wurden auch im unmittelbaren Umfeld des Kaisers eingesetzt. Die berühmten Germani corporis custodes, germanischen Leibwächter, zeigen, dass „Germanen“ nicht nur als Feinde wahrgenommen wurden. Sie konnten auch Teil der römischen Machtordnung werden.
Das römische System war darin bemerkenswert flexibel: Derselbe geographisch-ethnische Raum konnte Menschen hervorbringen, die für Rom kämpften, gegen Rom kämpften oder als Gefangene nach Rom gelangten.
Germanen im römischen Machtbereich, ca. 120 v. Chr.–453 n. Chr.
Zwischen etwa 120 v. Chr. und 453 n. Chr. gelangten wahrscheinlich mehrere hunderttausend Menschen germanischer Herkunft in unterschiedlichen Formen in das römische Herrschaftsgebiet – als Kriegsgefangene, Sklaven, Soldaten, Föderaten, Flüchtlinge, Umsiedler oder Migranten. Eine Gesamtzahl von etwa 500.000 bis 1 Million ist als grobe Größenordnung denkbar, lässt sich aber nicht quellenmäßig beweisen:
| Zeitraum | Ereignis / Gruppe | Größenordnung | Einschätzung |
| 113–101 v. Chr. | Kimbern, Teutonen, Ambronen | mind. ca. 100.000–200.000, möglicherweise deutlich mehr | Sehr große Wanderungsbewegung; antike Zahlen extrem unsicher |
| 101 v. Chr. | Gefangene Kimbern | ca. 60.000 | Von den Römern gefangen und versklavt; antike Angabe |
| 58 v. Chr. | Sueben des Ariovist | bis ca. 120.000 | Caesars Angabe umfasst offenbar Männer, Frauen und Kinder; historisch nicht als exakte Zahl verwendbar |
| 55 v. Chr. | Usipeter und Tenkterer | Caesar: 430.000 | Praktisch sicher übertrieben; nicht als Bevölkerungszahl verwendbar |
| 39/38 bzw. 20/19 v. Chr. | Ubier | unbekannt | Von der rechten auf die linke Rheinseite in römisches Gebiet umgesiedelt |
| 8 v. Chr. | Sugambrer und Sueben | ca. 40.000 | Eine der seltenen einigermaßen konkreten römischen Umsiedlungszahlen |
| 1.–2. Jh. n. Chr. | Bataver, Ubier, Friesen u. a. | nicht bestimmbar | Teilweise freiwillige bzw. politisch organisierte Ansiedlung; zugleich umfangreicher Militärdienst |
| 166–180 | Markomannen, Quaden, Langobarden, Vandalen u. a. | nicht bestimmbar | Markomannenkriege; Einfälle, Gefangene und teilweise Ansiedlungen |
| 3. Jh. | Alamannen, Franken, Goten u. a. | nicht bestimmbar | Zunehmende Bewegungen über Rhein und Donau; teilweise Plünderungen, teilweise Ansiedlungen |
| um 260 | Alamannen | unbekannt | Nach Aufgabe der agri decumates siedelten Alamannen in dem aufgegebenen Gebiet |
| 376 | Goten überqueren die Donau | ca. 50.000–90.000 | Moderne Schätzungen; antike Angaben reichen wesentlich höher. Eine Cambridge-Darstellung nennt etwa 90.000 als moderne Größenordnung. |
| 376–382 | Weitere Goten, Taifalen, Alanen u. a. | mehrere Zehntausend | Teilweise Vermischung verschiedener Gruppen; daher nicht sauber addierbar |
| 401–410 | Westgoten unter Alarich | wohl einige Zehntausend | Durch Italien, schließlich Plünderung Roms 410; anschließend Weiterzug nach Gallien und Spanien |
| 413 | Burgunder am Oberrhein | wahrscheinlich einige Zehntausend oder weniger | Föderatenansiedlung; exakte Zahl unbekannt |
| 406/407 | Vandalen, Sueben, Alanen über den Rhein | mindestens mehrere Zehntausend | Die Gruppe war ethnisch gemischt; Alanen waren keine Germanen. Deshalb darf man die Gesamtzahl nicht vollständig den Germanen zurechnen. |
| 409 | Vandalen und Sueben nach Hispanien | nicht sicher bestimmbar | Die Gruppen waren zahlenmäßig relativ klein gegenüber der einheimischen Bevölkerung. |
| 418 | Westgoten als Föderaten in Aquitanien | mehrere Zehntausend? | Keine zuverlässige Gesamtzahl; Ansiedlung durch die römische Regierung |
| 429 | Vandalen + Alanen nach Nordafrika | ca. 80.000 nach Prokop, moderne Schätzungen niedriger möglich | Auch hier sind Frauen und Kinder eingeschlossen; Alanen waren iranischer Herkunft. |
| 440–453 | Ostgoten, Gepiden, Heruler u. a. im Hunnenreich | nicht bestimmbar | Germanische Gruppen bewegten sich innerhalb des Hunnenreiches und später in Richtung römischer Gebiete |
| 451 | Germanische Kontingente im Heer Attilas | nicht bestimmbar | Gepiden, Ostgoten und andere Gruppen; aber kein „Germanenzug nach Rom“ |
| 453 | Ende des Hunnenreiches | keine belastbare Gesamtzahl | Germanische Gruppen werden anschließend zunehmend eigenständige politische Akteure im ehemaligen Westreich |
Vom Feind zum Sklaven – und möglicherweise zum Gladiator
Hier berühren sich unsere beiden Themen. Ein gefangener Germanenkrieger konnte grundsätzlich versklavt werden. Ein Sklave konnte verkauft werden. Ein solcher Mann konnte unter bestimmten Umständen in eine Gladiatorenschule gelangen. Daraus folgt aber nicht, dass die Mehrzahl der Gladiatoren germanischer Herkunft gewesen wäre. Die antiken Quellen erlauben eine solche pauschale Aussage nicht. Vielmehr zeigt sich ein internationales System. Gladiatoren kamen aus unterschiedlichen Regionen des Reiches und aus Gebieten außerhalb des Reiches. Ihre Kampfnamen und Ausrüstungen griffen dabei gerne auf ethnische Vorstellungen zurück. Die Arena verwandelte den römischen Blick auf die Außenwelt in ein Theaterprogramm. Der Fremde wurde gewissermaßen standardisiert.
Der Thraker bekam seinen Schild und sein gebogenes Schwert, der Samnite seine charakteristische Bewaffnung, der Gallier seine symbolische Fremdheit. Das Publikum musste nicht unbedingt wissen, wo der Mann tatsächlich geboren war. Es genügte, dass die Arena ihm eine Identität gab. Das ist vielleicht einer der faszinierendsten Aspekte der römischen Gladiatorenkultur: Die Arena war nicht nur ein Ort körperlicher Gewalt, sondern auch ein Ort ethnographischer Inszenierung. Rom ließ seine Feinde auftreten – allerdings unter römischen Regeln.

Gladiatoren als Sklaven und als Stars
Der gesellschaftliche Status des Gladiators blieb widersprüchlich. Einerseits gehörte der Beruf zu den sozial stigmatisierten Tätigkeiten. Gladiatoren galten rechtlich und sozial als infames. Andererseits waren erfolgreiche Gladiatoren berühmt. Sie konnten Namen besitzen, die das Publikum kannte. Sie konnten Anhänger haben. Sie konnten als außergewöhnlich mutig gelten. Manche erhielten nach erfolgreicher Karriere ihre Freiheit. Der berühmte Holzschwert-Status, die rudis, konnte das Ende der Gladiatorenlaufbahn markieren. Der römische Bürger konnte also einen Gladiator bewundern, dessen sozialer Status offiziell als minderwertig galt. Das ist vielleicht gar nicht so ungewöhnlich, wie es zunächst klingt. Rom trennte soziale Würde und öffentliche Berühmtheit nicht sauber voneinander. Der Senator hatte Prestige. Der Kaiser hatte Macht. Der Gladiator hatte Ruhm. Und der Sklave konnte unter Umständen reich werden.
Die römische Gesellschaft war weniger ein starres Gebäude als ein kompliziertes System von rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Zwischenstufen.
Die wichtigste Quelle ist manchmal der Stein
Für die Geschichte der Sklaven und Freigelassenen sind Inschriften besonders wertvoll. Sie nennen Namen, Berufe, Beziehungen, Freilassungen und manchmal Herkunftsangaben. Im Gegensatz zur großen Historiographie handeln sie nicht ausschließlich von Menschen, die bereits zu wichtig waren, um vergessen zu werden. Eine Grabinschrift kann uns von einem Sklaven erzählen, dessen Name sonst nirgendwo auftaucht. Eine andere kann einen Freigelassenen nennen, der für seinen Patron arbeitete. Eine dritte kann einen Gladiator dokumentieren, der vierzehnmal in der Arena kämpfte und schließlich starb. Damit entsteht ein anderes Bild der römischen Gesellschaft: nicht nur Caesar, Augustus, Nero und Trajan, sondern auch Aptus, Germanus, Threption und zahllose andere Menschen, deren Leben nur noch in wenigen Zeilen Stein überliefert ist.
Das ist zugleich die Grenze unserer Erkenntnis. Wir besitzen keine vollständige Statistik der römischen Sklavenbevölkerung. Wir wissen nicht von jedem Gladiator, woher er stammte. Und wir können nicht aus jedem Namen eine ethnische Herkunft rekonstruieren. Gerade deshalb muss historische Arbeit manchmal weniger spektakulär sein als der Gegenstand.
Ein römisches Schlussparadox
Sklaverei war eine Grundlage der römischen Gesellschaft, Freilassung ein regulierter Mechanismus sozialer Veränderung und die Arena eine öffentliche Bühne, auf der sich diese Widersprüche geradezu grotesk verdichteten. Ein Mensch konnte als Sklave beginnen, Gladiator werden, Ruhm erlangen und schließlich freigelassen werden. Ein anderer konnte als Kriegsgefangener nach Italien gelangen und nie wieder aus der Abhängigkeit herauskommen. Ein dritter konnte als Freigelassener ein beträchtliches Vermögen erwerben. Ein vierter konnte als ehemaliger Sklave im kaiserlichen Verwaltungsapparat erheblichen Einfluss gewinnen. Irgendwo in diesem System konnte ein Mann namens Germanus in Cádiz als Gladiator auftreten, obwohl die Inschrift ihn ausdrücklich als Griechen bezeichnet. Das ist vielleicht die wichtigste Lektion: Römische Identität lässt sich nicht aus Namen, Kostümen oder Gladiatorentypen mechanisch ablesen.
Wer nach „den Germanen unter den Gladiatoren“ fragt, findet tatsächlich Quellen – aber keine einfache Liste germanischer Gladiatoren. Man findet vielmehr ein faszinierendes Geflecht aus Kriegsgefangenschaft, Sklaverei, Freilassung, ethnischen Bezeichnungen, Kampftypen und römischer Selbstdarstellung. Und genau darin liegt der wissenschaftliche Reiz. Rom war ein Reich, das Menschen aus zahllosen Regionen zusammenführte und sie anschließend mit bemerkenswerter bürokratischer Energie in Kategorien einordnete.
Die Römer hatten für fast alles einen Namen. Ob der Name dann auch stimmte, war offenbar eine andere Frage.
Autor: Stefan Knorr, M.A. (Germanistik, Politik, Psychologie), Lehrer und Geschichtsblogger
Schwerpunkt: Philologie und Antike, Politik und Zeitgeschichte



