Wer die islamische Expansion des 7. Jahrhunderts betrachtet, könnte auf die verführerische Idee kommen, die Geschichte habe damals einfach einen neuen Gang eingelegt: Auf der einen Seite das alte Byzanz, auf der anderen die plötzlich auftretenden Araber, dazwischen ein paar Schlachten, und am Ende war Syrien arabisch, Ägypten ebenfalls und Jerusalem hatte einen neuen politischen Herrn. Das ist übersichtlich, eingängig und ungefähr so historisch präzise wie eine Landkarte aus einem Touristenprospekt.
Die Wirklichkeit war komplizierter. Das östliche Mittelmeer des 7. Jahrhunderts war kein politisches Vakuum, das nur darauf wartete, von einer neuen Macht gefüllt zu werden. Es war eine hochentwickelte, wirtschaftlich bedeutende und kulturell außerordentlich vielfältige Region, die allerdings durch Jahrzehnte von Kriegen, inneren Spannungen, konfessionellen Konflikten und fiskalischem Druck erschöpft war. Das Römische Reich – genauer: das oströmische beziehungsweise byzantinische Reich – war noch immer eine Großmacht. Das Sasanidenreich im Osten war ebenfalls eine Großmacht. Beide hatten sich jedoch in einem Krieg von enormer Dauer und Härte gegenseitig so weit ausgezehrt, dass 632, beim Tod des Propheten Mohammed, die politische Landschaft des Nahen Ostens wesentlich verletzlicher war, als es die imperiale Selbstdarstellung vermuten ließ.
Die islamische Expansion traf also nicht auf eine untergegangene Welt. Sie traf auf eine Welt, die noch funktionierte – aber schlecht.
Ein Mittelmeer voller Imperien
Das östliche Mittelmeer war in der Spätantike keineswegs eine abgelegene Peripherie. Ägypten gehörte zu den wichtigsten Getreideproduktionsgebieten des Mittelmeerraumes, Syrien verfügte über bedeutende Städte und Handelszentren, Palästina besaß eine außerordentliche religiöse und wirtschaftliche Bedeutung, und die Küstenregionen waren durch Seehandel, Landwirtschaft und ein dichtes Netz von Städten miteinander verbunden.
Konstantinopel, wo griechisch gesprochen wurde, war die politische Metropole des oströmischen Reiches und zugleich ein gewaltiger wirtschaftlicher Knotenpunkt. Antiochia, Alexandria, Jerusalem und zahlreiche kleinere Städte besaßen jeweils eigene regionale Bedeutung. Wer diese Welt als „spätantike Provinzlandschaft“ vorstellt, unterschätzt ihre Urbanität und ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Allerdings war dieses System teuer. Das Imperium musste Armeen unterhalten, Grenzen sichern, Straßen und Verwaltung finanzieren und zugleich die Hauptstadt versorgen. Steuern waren daher keine lästige Randerscheinung, sondern die Grundlage imperialer Existenz. Die Bevölkerung wiederum hatte ein ausgesprochen nüchternes Verhältnis zur Staatsideologie. Ein Kaiser konnte sich als von Gott eingesetzter Herrscher darstellen; der Bauer wollte trotzdem wissen, wie viel Getreide er abzuliefern hatte. Das war nicht grundsätzlich anders als in anderen vormodernen Gesellschaften. Nur waren im spätantiken Osten die religiösen Fragen zusätzlich von einer Intensität, die selbst für vormoderne Verhältnisse bemerkenswert war.
Der große Krieg zwischen Rom und Persien
Die entscheidende Vorgeschichte der islamischen Expansion liegt im Krieg zwischen dem oströmischen Reich und dem Sasanidenreich von 602 bis 628. Kaiser Herakleios übernahm ein Reich, dessen politische und militärische Lage ausgesprochen schwierig war. Die Sasaniden unter Chosrau II. nutzten die Krise und eroberten weite Teile des oströmischen Ostens. Jerusalem fiel 614, Ägypten wurde in den folgenden Jahren erobert, und zeitweise schien die gesamte römische Ordnung im Vorderen Orient zusammenzubrechen. Herakleios gelang jedoch eine spektakuläre militärische Gegenoffensive. In mehreren Feldzügen drang er tief in persisches Gebiet vor. 627 kam es zur Schlacht bei Ninive. Kurz darauf wurde Chosrau II. gestürzt. Der folgende Friedensschluss brachte die eroberten Gebiete an Ostrom zurück.

Auf dem Papier war damit die alte Ordnung wiederhergestellt. In der Realität hatte man zwei Großreiche gebraucht, um festzustellen, dass sie sich gegenseitig erschöpfen konnten. Der Krieg hatte gewaltige Ressourcen verschlungen. Städte waren geplündert oder beschädigt worden, landwirtschaftliche Regionen hatten unter den Kämpfen gelitten, und die staatlichen Finanzsysteme standen unter erheblichem Druck. Hinzu kam die Notwendigkeit, die zurückeroberten Gebiete wieder militärisch und administrativ zu stabilisieren. Die Zeitgenossen konnten dies nicht wissen, aber aus historischer Perspektive erscheint die Situation geradezu makaber: Das oströmische Reich hatte einen gewaltigen Krieg gewonnen und war dadurch in eine Lage geraten, in der es den nächsten Krieg wesentlich schlechter verkraften konnte.
Religion als politische Sprengkraft
Noch komplizierter war die religiöse Situation. Das Christentum war seit Jahrhunderten tief in die politischen und gesellschaftlichen Strukturen des römischen Reiches eingebunden. Doch „die Christen“ bildeten keineswegs einen einheitlichen Block. Die theologischen Auseinandersetzungen um die Natur Christi hatten zu erheblichen Spaltungen geführt. Auf dem Gebiet des heutigen Ägypten waren viele Christen Anhänger der miaphysitischen beziehungsweise später als koptisch bezeichneten kirchlichen Tradition. Auch in Syrien war die christliche Bevölkerung religiös keineswegs homogen. Die kaiserliche Kirche in Konstantinopel vertrat dagegen Positionen, die in verschiedenen Regionen auf erheblichen Widerstand stießen. Die Konflikte waren nicht bloß akademische Diskussionen darüber, wie viele Naturen Christus besitze und wie diese zueinander stünden. Solche Fragen hatten Konsequenzen für Bischofssitze, Klöster, staatliche Eingriffe, lokale Eliten und die Zugehörigkeit ganzer Gemeinden.
Der moderne Betrachter neigt gelegentlich dazu, solche theologischen Streitigkeiten als überfeinerte Spekulationen lebensferner Gelehrter abzutun. Das ist ein Fehler. In der Spätantike konnte Theologie Politik sein, und Politik konnte Theologie sein. Wer einen Bischof einsetzte, bestimmte nicht nur die Predigt am Sonntag, sondern beeinflusste institutionelle Macht, Besitz und gesellschaftliche Loyalitäten. Die arabische Eroberung fand daher in Regionen statt, deren Bevölkerung nicht einfach geschlossen hinter Konstantinopel stand. Das bedeutet allerdings nicht, dass die christlichen Bevölkerungen sehnsüchtig auf die muslimischen Eroberer gewartet hätten. Eine solche Vorstellung wäre nur die umgekehrte Vereinfachung. Lokale Reaktionen waren unterschiedlich. Manche Gemeinden leisteten Widerstand, andere arrangierten sich, wieder andere sahen zunächst vor allem einen Wechsel der Herrschaftsschicht. Geschichte ist selten so höflich, den Menschen nur zwei Möglichkeiten zu lassen.
Der Aufstieg der Araber
Der entscheidende politische Wandel begann auf der Arabischen Halbinsel. Mit der Entstehung des Islam und der politischen Einigung großer Teile der arabischen Stämme entstand eine neue militärische und politische Formation. Nach dem Tod Mohammeds 632 setzte sich die Expansion unter den ersten Kalifen fort. Zunächst richtete sich die militärische Bewegung gegen die byzantinischen und sasanidischen Machtbereiche. Die Gründe dafür waren vielfältig: politische Konsolidierung, Beute, Ressourcen, religiöse Vorstellungen, Stammesinteressen und die Möglichkeit, durch Expansion neue Machtverhältnisse zu schaffen. Die klassische Vorstellung einer einzigen, zentral geplanten Eroberungsmaschine ist dabei ebenso problematisch wie die Behauptung, es habe lediglich um gewöhnliche Stammesraubzüge gehandelt. Die frühe islamische Expansion war ein historischer Prozess, in dem religiöse, politische, militärische und wirtschaftliche Faktoren ineinandergriffen. Die ersten großen Erfolge gegen Byzanz waren von erheblicher Bedeutung. 636 kam es zur Schlacht am Jarmuk, östlich der Golanhöhen gelegen, die gewöhnlich als entscheidender Wendepunkt der Eroberung Syriens gilt. Das byzantinische Heer, obwohl zahlenmässig überlegen, erlitt eine schwere Niederlage, und die oströmische Herrschaft über große Teile Syriens wurde in der Folge aufgegeben. Damit veränderte sich die politische Landkarte des östlichen Mittelmeers grundlegend.

Syrien: Vom römischen Kernland zur islamischen Provinz
Syrien war keine unbedeutende Randzone. Städte wie Damaskus und Antiochia waren wirtschaftlich und kulturell bedeutend. Die Region war seit Jahrhunderten tief in die römische Welt integriert. Nach der Eroberung verschwand diese Welt jedoch nicht über Nacht. Das ist einer der wichtigsten Punkte zum Verständnis der islamischen Expansion. Die arabischen Eroberer übernahmen nicht ein unbeschriebenes Blatt, sondern ein hochentwickeltes Verwaltungs- und Wirtschaftssystem. Bestehende Städte blieben bestehen. Steuerstrukturen wurden vielfach weitergenutzt. Lokale Eliten konnten ihre Funktionen behalten. Christen und Juden verschwanden keineswegs aus der Region, sondern blieben über Jahrhunderte wichtige Bestandteile der Gesellschaft. Auch die Sprache wechselte nicht plötzlich. Griechisch und lokale Sprachen blieben zunächst von großer Bedeutung. Erst allmählich gewann Arabisch als Verwaltungs- und Verkehrssprache an Gewicht. Die Eroberung war deshalb nicht nur ein militärisches Ereignis. Sie war der Beginn eines langen Transformationsprozesses.
Wer 637 durch Damaskus gegangen wäre, hätte nicht einfach eine Stadt betreten, in der die gesamte Vergangenheit ausradiert worden war. Vielmehr begegnete ihm eine Stadt, in der neue politische Herren auf eine alte urbane Gesellschaft trafen.
Jerusalem und die symbolische Eroberung
Jerusalem besaß eine Bedeutung, die weit über seine militärische Funktion hinausging. Für Christen war die Stadt mit dem Leben, Sterben und der Auferstehung Jesu verbunden. Für Juden war sie seit der Antike Zentrum religiöser Erinnerung. Für Muslime gewann Jerusalem ebenfalls eine herausragende Stellung. Die islamische Eroberung der Stadt erfolgte vermutlich 638, wobei die Überlieferung die persönliche Übergabe an den Kalifen Umar betont. Die spätere islamische Herrschaft prägte die Stadt nachhaltig. Unter den Umayyaden entstanden mit dem Felsendom und der al-Aqsa-Moschee monumentale Bauwerke, die Jerusalem dauerhaft in die islamische Sakraltopographie einordneten. Damit wurde die Stadt nicht „entchristlicht“. Sie wurde vielmehr zu einem religiösen Raum, in dem verschiedene Traditionen miteinander konkurrierten, sich überlagerten und gegenseitig beeinflussten. Das ist ein wesentliches Merkmal des spätantiken und frühislamischen Mittelmeerraumes: Herrschaftswechsel bedeutete nicht automatisch kulturelle Auslöschung.
Ägypten: Der Verlust der Kornkammer
Noch gravierender für Byzanz war der Verlust Ägyptens. Das Land war wirtschaftlich von enormer Bedeutung. Seine Landwirtschaft konnte große Mengen Getreide produzieren und damit die Versorgung des Mittelmeerraumes unterstützen. Alexandria war einer der wichtigsten Häfen und Handelsplätze der antiken Welt. Die arabische Eroberung begann 639 unter Amr ibn al-As. Nach mehreren militärischen Erfolgen fiel Alexandria schließlich 641 beziehungsweise 642 endgültig unter arabische Kontrolle, nachdem byzantinische Rückeroberungsversuche gescheitert waren. Auch hier darf man sich den Vorgang nicht als simple Ablösung einer Bevölkerung durch eine andere vorstellen.
Die große Mehrheit der Bevölkerung blieb zunächst christlich. Die koptische Kirche entwickelte sich unter muslimischer Herrschaft weiter. Arabisierung und Islamisierung waren langfristige Prozesse, die sich über Jahrhunderte erstreckten und keineswegs gleichzeitig verliefen. Das ist überhaupt ein Grundproblem historischer Begriffe wie „Eroberung“, „Christianisierung“ oder „Islamisierung“. Sie bezeichnen oft Prozesse, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauerten, während wir sie sprachlich behandeln, als hätte jemand an einem Dienstagmorgen einen Schalter umgelegt.
Byzanz bleibt
Mit dem Verlust Syriens und Ägyptens war das oströmische Reich keineswegs verschwunden. Es wurde kleiner, aber keineswegs bedeutungslos. Die byzantinische Herrschaft konzentrierte sich zunehmend auf Kleinasien, den Balkan und die Hauptstadt Konstantinopel. Das Reich entwickelte neue militärische und administrative Strukturen und passte sich an die veränderte geopolitische Lage an. Die islamische Expansion bedeutete daher nicht das Ende der römischen Geschichte. Sie bedeutete eine tiefgreifende Veränderung ihrer geografischen Grundlage. Das Römische Reich bestand weiter – und zwar noch fast achthundert Jahre. Diese Tatsache sollte jede Erzählung korrigieren, die das Jahr 476 als endgültigen Untergang Roms und das 7. Jahrhundert als plötzliche Entstehung einer völlig neuen Welt betrachtet. Im östlichen Mittelmeer verlief die Geschichte wesentlich kontinuierlicher.
Eine neue Mittelmeerwelt
Die islamische Expansion veränderte schließlich auch das Mittelmeer selbst. Unter den Umayyaden entstand ein gewaltiges Reich, das sich von den Randgebieten Zentralasiens über den Nahen Osten und Nordafrika bis auf die Iberische Halbinsel erstreckte. Das Mittelmeer wurde damit nicht einfach zu einem „arabischen Meer“. Vielmehr entstand eine neue politische Geografie, in der muslimische, christliche und jüdische Gesellschaften miteinander verbunden blieben. Handel, Wissen, Landwirtschaft und Verwaltung wurden neu organisiert. Griechische wissenschaftliche und philosophische Traditionen wurden später in arabischsprachigen Kontexten aufgenommen und weiterentwickelt. Christliche Gemeinden blieben in vielen Regionen bestehen. Jüdische Gemeinden lebten unter muslimischer Herrschaft ebenso wie unter byzantinischer und später europäischer Herrschaft.
Die berühmte Vorstellung eines scharfen Schnittes zwischen „Antike“ und „Islam“ ist daher wissenschaftlich wenig hilfreich. Vieles, was später als islamische Zivilisation erscheint, entstand auf den materiellen, administrativen und intellektuellen Grundlagen einer spätantiken Welt. Die neuen Herrscher erbten Straßen, Städte, Steuerbezirke, Handelswege, landwirtschaftliche Systeme, Schriftkulturen und Verwaltungspraktiken. Kurz gesagt: Die arabischen Eroberer mussten das Rad nicht neu erfinden. Sie mussten zunächst herausfinden, wie man mit einem ziemlich komplizierten Rad fährt.
Das Ende einer Welt – oder ihre Verwandlung?
Das spätantike östliche Mittelmeer verschwand im 7. Jahrhundert nicht. Es verwandelte sich. Das oströmische Reich verlor seine reichen östlichen Provinzen. Das Sasanidenreich brach vollständig zusammen. Arabische Herrschaften traten an die Stelle der alten imperialen Ordnung. Arabisch wurde langfristig zu einer dominierenden Sprache großer Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas. Der Islam entwickelte sich von einer religiösen Bewegung zu einer der großen politischen und kulturellen Kräfte Eurasiens. Doch gleichzeitig überlebten erstaunlich viele Strukturen der Spätantike.
Städte blieben Städte. Bauern blieben Bauern. Steuerbeamte blieben Steuerbeamte. Händler handelten weiter. Bischöfe predigten weiter. Klöster bestanden fort. Griechische, syrische, koptische und andere Sprachen verschwanden nicht über Nacht. Und die Menschen, die diese Veränderungen erlebten, dürften ihre Welt kaum als sauber getrennte Epochen empfunden haben. Für sie war es zunächst wahrscheinlich viel prosaischer: Ein neuer Herrscher verlangte Steuern, ein neuer Gouverneur bezog seinen Amtssitz, Soldaten wechselten die Uniform, und irgendwo wurde eine neue Münze geprägt. Gerade darin liegt die historische Bedeutung der islamischen Expansion. Sie war weder das plötzliche Auftauchen einer völlig fremden Zivilisation in einem leeren Raum noch bloß die Fortsetzung spätantiker Politik unter arabischer Flagge. Sie war ein gewaltiger Transformationsprozess, der auf einer bereits hochkomplexen Gesellschaft aufbaute. Das östliche Mittelmeer wurde im 7. Jahrhundert nicht aus der Geschichte der Antike herauskatapultiert. Es wurde in eine neue historische Ordnung überführt.
Und vielleicht ist das die eigentliche Pointe: Die Spätantike starb nicht einfach. Sie wechselte den Besitzer, die Sprache, die politische Grammatik – und in vielen Bereichen sogar erstaunlich wenig von ihrer alten Gewohnheit, kompliziert zu bleiben.
Autor: Stefan Knorr, M.A. (Germanistik, Politik, Psychologie), Lehrer und Geschichtsblogger
Schwerpunkt: Philologie und Antike, Politik und Zeitgeschichte



