Monster und Ungeheuer in der griechischen Antike

Die Antike dorten war eine Welt voller Monster. Sie hausten in Höhlen, Wäldern und Meeren, lauerten an Wegkreuzungen, bewachten Schätze, verschlangen Reisende und hatten grundsätzlich die unangenehme Eigenschaft, genau dann aufzutauchen, wenn ein antiker Held gerade eine Reise vorhatte. Man denke an die Taten des Herkules. Wer die antike Mythologie kennt, könnte beinahe den Eindruck gewinnen, die Griechen hätten ihre Welt für einen einzigen großen Hindernisparcours gehalten, in dem hinter jeder Kurve ein Löwe mit übernatürlichen Eigenschaften, eine mehrköpfige Schlange oder eine Dame mit Schlangenschwanz wartete.

Doch die antiken Ungeheuer waren weit mehr als dekoratives Personal für Heldensagen. Sie markieren Grenzen: zwischen Mensch und Tier, Kultur und Wildnis, Ordnung und Chaos, Bekanntem und Unbekanntem. Das Monster ist deshalb nicht einfach das „Böse“. Es ist zunächst das Andere. Es zeigt dem Menschen, wo seine selbst definierte Ordnung endet. Und selbstverständlich war die antike Welt darin ausgesprochen fantasievoll. Das hier ist nur ein kleines Essay zum Thema – es gibt Bibliotheken voll mit dem Thema!!!

1. Was ist überhaupt ein Monster?

Das deutsche Wort „Monster“ geht auf lateinisch monstrum zurück. Dieses bezeichnete ursprünglich nicht einfach ein riesiges oder gefährliches Wesen, sondern ein außergewöhnliches, von der normalen Ordnung abweichendes Zeichen. Ein monstrum konnte ein ungewöhnliches Tier, eine Missbildung oder ein anderes außergewöhnliches Ereignis sein. Es war gewissermaßen eine biologische oder kosmische Fußnote mit religiöser Bedeutung. Das lateinische monstrum hängt mit monere, „warnen“ beziehungsweise „mahnen“, zusammen. Ein Monster war also ursprünglich etwas, das auf etwas hinwies. Die Natur hatte gewissermaßen eine schlechte Nachricht zu übermitteln und bediente sich dazu eines besonders eindrucksvollen Körpers.

Die Griechen kannten dafür unter anderem den Begriff teras, „Wunderzeichen“, „Ungeheuer“ oder „Monstrum“. Auch hier steht nicht ausschließlich die Vorstellung eines gefährlichen Wesens im Vordergrund. Entscheidend ist die Abweichung von der erwarteten Ordnung. Das erklärt, weshalb antike Monster so häufig Mischwesen sind. Der Mensch hat zwei Beine, der Löwe vier. Ein Wesen mit menschlichem Oberkörper und Pferdeleib bringt diese Ordnung durcheinander. Der Kentaur ist deshalb nicht bloß ein Pferd mit Personalproblem. Er verkörpert die Überschreitung einer Grenze. Die antike Mythologie ist überhaupt auffallend körperbewusst. Sie erklärt Unterschiede nicht durch abstrakte Kategorien, sondern durch Körper. Das Monster trägt seine Grenzüberschreitung am Leib.

2. Die Sphinx: Wer nicht denken kann, wird gefressen

Eines der berühmtesten Ungeheuer der griechischen Mythologie ist die Sphinx. Sie besitzt einen weiblichen Kopf, einen Löwenkörper und Flügel. In der griechischen Tradition erscheint sie vor allem als Wächterin und Rätseldichterin. Ihr berühmtestes Rätsel lautet in der Ödipussage sinngemäß: Welches Wesen geht am Morgen auf vier, am Mittag auf zwei und am Abend auf drei Beinen?

Die Antwort lautet: der Mensch. Als Kind krabbelt er auf vier Gliedmaßen, als Erwachsener geht er auf zwei Beinen und im Alter benutzt er einen Stock. Die Spinx stürzte sich darauf hin von der Klippe in den Tod. Das Entscheidende an der Geschichte ist weniger die zoologische Kuriosität als die Verbindung von Gewalt und Erkenntnis. Die Sphinx stellt eine intellektuelle Prüfung. Wer sie nicht besteht, stirbt -und wird von ihr aufgefuttert. Man könnte sagen: Die antike Universität war gelegentlich etwas strenger. Oidipus löst das Rätsel und besiegt dadurch die Sphinx. Das Monster wird nicht primär durch körperliche Gewalt überwunden, sondern durch Erkenntnis. Damit gehört die Episode zu den wichtigsten antiken Erzählungen über die menschliche Fähigkeit, Ordnung durch Denken herzustellen.

Die Sphinx ist zugleich ein Wesen der Grenze. Sie sitzt am Übergang zwischen menschlicher und tierischer Sphäre, zwischen Wissen und Unwissenheit, zwischen Leben und Tod.

3. Der Minotauros und das Labyrinth

Noch berühmter ist der Minotauros von Kreta: Ein Wesen mit menschlichem Körper und Stierkopf. Er lebt im Labyrinth des Minos und wird dort verborgen gehalten. Theseus betritt das Labyrinth, tötet das Ungeheuer und findet mithilfe des Fadens der Ariadne, der Halbschwester Minotauros, wieder heraus. Minos heisst übrigens König, also heisst Minotauros Königsstier.

Der Minotauros ist dabei bemerkenswert, weil sein Monstrumsein unmittelbar mit politischer und sozialer Ordnung verbunden ist. Er ist kein frei herumstreifendes Tierwesen. Er wird eingesperrt. Die Frage seit Dürrenmatts Ballade über ihn ist, ob er mehr als Opfer oder Täter zu betrachten sei. Das Labyrinth wiederum ist eine Architektur des Kontrollverlusts. Wer es betritt, verliert Orientierung. Der Mensch befindet sich in einem künstlich erzeugten Raum, dessen Regeln er nicht mehr versteht. Das Monster im Zentrum ist deshalb gewissermaßen die letzte Konsequenz des Labyrinths. Außen steht die geordnete Welt, innen wartet die vollständige Umkehrung dieser Ordnung. Der Minotauros ist zugleich Teil einer Erzählung über Herrschaft, Schuld, Gewalt und Opfer. Die Athener müssen junge Männer und Frauen nach Kreta schicken, bis Theseus diesem Zustand ein Ende setzt. Der Held besiegt also nicht einfach einen Stiermenschen. Er beendet ein System.

Das ist wesentlich interessanter als die Vorstellung, Theseus habe zufällig einen besonders schlechten Tag im Zoo gehabt.

4. Medusa: Wenn der Blick zur Waffe wird

Zu den berühmtesten Gestalten der griechischen Mythologie gehört Medusa, eine der drei Gorgonen. Ihr Haar besteht aus Schlangen, und ihr Blick verwandelt Menschen in Stein. Das ist eine bemerkenswerte Umkehrung menschlicher Kommunikation. Normalerweise dient der Blick dazu, Informationen aufzunehmen. Bei Medusa wird der Blick selbst zur tödlichen Waffe. Perseus kann sie deshalb nicht direkt ansehen. Er benutzt den spiegelnden Schild der Athene und enthauptet Medusa, ohne ihren Blick unmittelbar zu erwidern. Damit wird eine grundlegende Strategie des Umgangs mit dem Monster sichtbar: Das Ungeheuer darf nicht nach seinen eigenen Regeln bekämpft werden. Medusa wird später auf dem Schild oder der Ägis der Athene dargestellt. Das abgeschlagene Haupt wird zum Schutzzeichen.

Hier zeigt sich eine für die antike Bildwelt zentrale Eigenheit: Das Monster kann gleichzeitig gefährlich und schützend sein. Sein Bild soll den Feind abschrecken. Das Monster wird also domestiziert, indem man es zum Symbol macht. Man könnte auch sagen: Die Griechen haben aus einem Schrecken ein Logo gemacht.

5. Hydra, Chimära und die zoologische Fantasie

Der Held Herakles bekommt es mit der Hydra von Lerna zu tun, einem mehrköpfigen Schlangenwesen. Schneidet man einen Kopf ab, wachsen neue nach. Die Lösung besteht darin, die abgetrennten Hälse auszubrennen. Das ist ein bemerkenswert praktischer Umgang mit einem mythologischen Problem. Die Hydra ist ein Wesen, dessen biologische Konstruktion jede gewöhnliche Gewaltstrategie ad absurdum führt. Ähnlich spektakulär ist die Chimära. Sie verbindet Elemente verschiedener Tiere und wird meist als Wesen mit Löwenkopf, Ziegenkörper und Schlangenschwanz beschrieben. Diese Mischwesen wirken aus moderner Sicht wie Produkte eines mythologischen Bildbearbeitungsprogramms, in dem jemand die Frage gestellt hat: „Was wäre, wenn wir einfach alles zusammenbauen?“

Doch auch hier steckt System dahinter. Die Chimära vereint verschiedene gefährliche Tiere in einem Körper. Sie ist gerade deshalb monströs, weil sie biologische Kategorien auflöst. Der antike Mensch kannte die Tierwelt sehr genau, zumindest soweit sie ihm zugänglich war. Gerade deshalb konnte er mit Mischwesen spielen. Das Monster entsteht nicht aus völliger Unkenntnis, sondern aus der bewussten Kombination bekannter Formen.

6. Der Kentaur: Zwischen Mensch und Tier

Der Kentaur ist vielleicht eines der interessantesten antiken Mischwesen, weil seine Bedeutung weniger eindeutig ist. Oberkörper und Kopf sind menschlich, der Unterkörper gehört zum Pferd. Die Kentauren erscheinen häufig als wilde, trinkfreudige und gewalttätige Wesen. Besonders berühmt ist der Konflikt zwischen Kentauren und Lapithen: Bei der Hochzeit des Lapithenkönigs Peirithoos geraten die eingeladenen Kentauren außer Kontrolle. Der Wein tut seinen Teil dazu, und die Gäste tun das, was betrunkene mythologische Mischwesen offenbar besonders gerne tun: Sie benehmen sich völlig daneben. Der Kampf zwischen Lapithen und Kentauren wird zum Symbol für den Gegensatz von Zivilisation und ungezügelter Wildheit.

Doch der Kentaur Chiron zeigt, dass die Kategorie „Kentaur“ nicht automatisch „Bestie“ bedeutet. Chiron ist gebildet, heilkundig und Erzieher zahlreicher Helden. Er unterrichtet unter anderem Achilleus. Das ist wichtig. Die antike Mythologie ist differenzierter als ein einfaches Monsterlexikon. Nicht jedes Mischwesen ist böse, und nicht jedes menschliche Wesen ist vernünftig. Das ist möglicherweise eine der unangenehmsten Erkenntnisse der gesamten Mythologie.

Chiron wurde nach seinem Ableben übrigens von Zeus als Sternbild Zentaur an den nächtlichen Himmel versetzt

7. Skylla und Charybdis: Das Meer als Monsterlandschaft

Besonders viele Ungeheuer lauern im Meer. Das ist wenig überraschend. Für die Bewohner der antiken Mittelmeerwelt war das Meer Verkehrsweg, Nahrungsquelle, Grenze und Gefahrenzone zugleich. In Homers Odyssee begegnet Odysseus Skylla und Charybdis. Skylla ist ein mehrköpfiges Ungeheuer, das aus einer Felsenhöhle heraus Schiffe und Menschen angreift. Charybdis dagegen ist ein gewaltiger Strudel. Die beiden stehen für zwei unterschiedliche Formen von Gefahr: das räuberische Wesen und die unberechenbare Naturgewalt. Odysseus kann beiden Gefahren nicht vollständig entkommen. Er muss sich für den weniger katastrophalen Weg entscheiden. Damit enthält die Erzählung eine erstaunlich nüchterne Vorstellung von Risiko. Nicht jede Gefahr kann beseitigt werden. Manchmal besteht Klugheit darin, zwischen schlechten Möglichkeiten zu wählen.

Die antike Mythologie kennt also durchaus Situationen, in denen der Held nicht gewinnt, sondern lediglich weniger verliert.

8. Die Monster am Rand der Welt

Mit zunehmender Entfernung vom eigenen Lebensraum nimmt in antiken Vorstellungen auch die Zahl der wundersamen Wesen zu. Herodot berichtet von fremden Völkern, Tieren und außergewöhnlichen Naturerscheinungen; spätere Autoren und Geographen überliefern Berichte über Wesen, die zwischen Zoologie, Ethnographie und Fantastik stehen. Die Ränder der bekannten Welt sind in der antiken Literatur deshalb besonders monsterreich. Das ist kein Zufall. Wo geographisches Wissen endet, beginnt die Erzählung. Das gilt insbesondere für den Norden und Osten, für die Wüstenregionen Afrikas und für die fernöstlichen Gebiete Asiens. Menschen mit ungewöhnlichen körperlichen Eigenschaften, riesenhafte Tiere und merkwürdige Lebensformen erscheinen in Berichten und Kompilationen. Der antike Geograph ist dabei gelegentlich eine eigentümliche Mischung aus Wissenschaftler, Reiseführer und Stammtischonkel.

Doch diese Texte sind kulturgeschichtlich außerordentlich interessant. Sie zeigen, wie Gesellschaften das Fremde verarbeiten. Das Monster sitzt nicht zufällig am Rand der Karte. Es markiert die Grenze des Wissens.

9. Das Monster als Gegenbild des Menschen

Die große Bedeutung der antiken Monster liegt letztlich darin, dass sie den Menschen definieren. Der Mensch ist sterblich, das Monster häufig übermenschlich. Der Mensch besitzt einen geordneten Körper, das Monster einen zusammengesetzten. Der Mensch lebt in Gemeinschaft, das Monster häufig außerhalb gesellschaftlicher Ordnung. Der Mensch besitzt Sprache und Vernunft, das Monster wird vielfach durch Instinkt und Gewalt charakterisiert. Doch diese Gegensätze sind keineswegs stabil. Odysseus ist listenreich und gewalttätig. Achilleus ist ein Held, aber zugleich ein Mörder. Herakles ist ein Kulturheld, der zugleich extreme Gewalt ausübt. Die Götter selbst verhalten sich häufig alles andere als vorbildlich. Das Monster ist deshalb nicht einfach das Gegenteil des Menschen. Es ist dessen Spiegel.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb die antiken Ungeheuer so langlebig geworden sind. Sie erzählen nicht nur von Dingen, vor denen man sich fürchten soll. Sie erzählen davon, was Menschen über sich selbst denken.

10. Von der Mythologie zum Monsterarchiv

Die antike Monsterwelt ist damit kein beliebiger Zoo der Fantasie. Sie besitzt eine innere Logik. Die Sphinx verkörpert die Prüfung des Wissens. Der Minotauros steht im Zentrum eines Labyrinths aus Gewalt und Herrschaft. Medusa macht den Blick selbst gefährlich. Die Hydra verwandelt gewöhnliche Gewalt in ein aussichtsloses Verfahren. Die Kentauren markieren die Grenze zwischen Mensch und Tier. Skylla und Charybdis verkörpern die Unberechenbarkeit der Natur. Die Monster am Rand der Welt markieren die Grenze des geographischen Wissens. Und natürlich darf man die Sache trotzdem ein wenig lächerlich finden.

Denn die antike Mythologie ist voller Wesen, bei denen ein moderner Personalverantwortlicher vermutlich sehr schnell feststellen würde, dass die Kombination aus „Mensch“, „Löwe“, „Schlange“ und „Flügel“ erhebliche Schwierigkeiten bei der Arbeitsplatzbeschreibung verursacht. Aber genau darin liegt ihre Stärke. Die antiken Monster sind keine zufälligen Fantasieprodukte. Sie sind Denkfiguren. Sie verwandeln abstrakte Probleme in Körper: Angst bekommt Zähne, Chaos bekommt Schuppen, Fremdheit bekommt Flügel und die Grenze zwischen Mensch und Tier bekommt einen Pferdeleib. Das Monster ist somit die sichtbare Form dessen, was die Gesellschaft nicht vollständig erklären, kontrollieren oder in ihre Ordnung einpassen kann.

Und vielleicht erklärt das auch seine erstaunliche Lebensdauer. Solange Menschen Grenzen ziehen, wird es Wesen geben, die diese Grenzen überschreiten. Solange Menschen Angst vor dem Unbekannten haben, werden sie ihm einen Körper geben. Und solange Menschen Geschichten erzählen, wird irgendwo hinter dem nächsten Felsen bereits ein Ungeheuer sitzen. Vermutlich wartet es sogar schon seit der Bronzezeit. Es hat schließlich Zeit. Und im Gegensatz zu uns muss es keine Steuererklärung abgeben.

Autor: Stefan Knorr, M.A. (Germanistik, Politik, Psychologie), Lehrer und Geschichtsblogger

Schwerpunkt: Philologie und Antike, Politik und Zeitgeschichte

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