Wer von Amazonen spricht, landet gewöhnlich sehr schnell bei zwei Bildern: bei bewaffneten Frauen auf Pferden und neuerdings bei Hollywood. Das erste Bild ist immerhin antik; das zweite ist es nicht. Die Amazonen der griechischen Mythologie waren keine emanzipatorischen Superheldinnen mit Lederkostüm, perfekter Frisur und auffallend schlechtem Verhältnis zu Männern. Sie waren ein literarisches Gegenbild zur griechischen Gesellschaft – und zugleich möglicherweise das verzerrte Echo einer realen Lebenswelt jenseits der griechischen Welt.
Besonders interessant wird die Sache bei Penthesilea, der Amazonenkönigin vor Troja. Sie ist eine der eindrucksvollsten weiblichen Gestalten des Trojanischen Sagenkreises: Kriegerin, Königin, Verbündete der Trojaner und schließlich Gegnerin des Achilles. Ihr Tod gehört zu den großen Tragödien der antiken Heldensage, bei Kleist allerdings stark abgewichen bzw. umgekehrt: Heinrich von Kleist verkehrt in seinem Trauerspiel Penthesilea (1808) den antiken Mythos radikal ins Gegenteil Während in der traditionellen griechischen Mythologie Achilles Penthesilea im Kampf besiegt und tötet, lässt Kleist Penthesilea Achilles auf grausame Weise zerfleischen. Doch woher kommt die Vorstellung einer bewaffneten Königin, die an der Seite ihrer Kriegerinnen in den Krieg zieht?
Die Antwort führt weit nördlich der Krim (griech. Kulturraum) und weiter nach Osten – in die Welt der Skythen und der mit ihnen verwandten Steppenvölker. Deren Sprache wird dem (alt-)nordost-iranischen Zweig der indogermanischen Sprachen zugerechnet. Für Römer und Griechen war alles nördlich der Krim Skythien, so wie alles westlich des Rheins Kelten und östlich davon alles Germanen waren. Sie machten es sich halt einfach. Dort finden Archäologen tatsächlich Frauenbestattungen mit Waffen, Pferdegeschirr und Spuren von Verletzungen. Die Amazonen sind damit keineswegs einfach „historisch bewiesen“. Aber die Vorstellung, griechische Amazonensagen hätten keinerlei Bezug zu realen weiblichen Kriegerinnen der eurasischen Steppe, ist inzwischen ebenso schwer aufrechtzuerhalten. Mehr als 300 bewaffnete Frauenbestattungen sind aus skythischen und verwandten Kulturräumen bekannt; für die europäische Skythien werden in einer archäologischen Untersuchung 303 entsprechende Bestattungen genannt.
Die interessante Frage lautet deshalb nicht: „Gab es Amazonen genau so, wie Homer sie beschreibt?“ Natürlich nicht. Die interessantere Frage lautet: Welche realen Menschen könnten hinter dem griechischen Bild der Amazone gestanden haben?
Die Amazone als Gegenwelt
Die Griechen erfanden die Amazonen zunächst nicht als ethnographischen Reisebericht. Schon Homer kennt Amazonen. In der Ilias werden sie als antianeirai bezeichnet, ein Ausdruck, der gewöhnlich im Sinne von „den Männern ebenbürtig“ oder „gegen Männer kämpfend“ verstanden wird. Damit ist das Grundproblem bereits auf dem Tisch: Die Amazone ist eine Frau, die genau das tut, was in der griechischen Gesellschaft typischerweise Männern vorbehalten war – kämpfen, reiten, jagen und politische Macht ausüben.
Die Amazonen gehören damit zu jener faszinierenden Kategorie mythischer Fremdvölker, die weniger über sich selbst als über ihre Betrachter erzählen. Der Grieche konnte den Amazonen gegenübertreten und in ihnen eine Gesellschaft erkennen, in der die vertraute Ordnung auf den Kopf gestellt war. Männer und Frauen hatten scheinbar ihre gesellschaftlichen Plätze getauscht. Das war literarisch äußerst praktisch. Denn eine Welt ohne gesellschaftliche Grenzen ist für einen Mythenerzähler wesentlich interessanter als eine Welt, in der alle brav ihrer Steuerpflicht nachkommen und niemand überraschend mit einer Doppelaxt auftaucht.
Die Amazonen verkörperten deshalb eine Gegenwelt. Sie waren fremd, kriegerisch und häufig mit Regionen am Rand der griechischen Welt verbunden. Ihre angebliche Heimat wurde im Laufe der Antike unterschiedlich lokalisiert: in Kleinasien, Thrakien, am Schwarzen Meer, in Libyen und schließlich immer stärker in der Welt der Skythen und Sarmaten. Diese geografische Verschiebung ist bemerkenswert. Denn je besser die Griechen mit der nördlichen Schwarzmeerwelt in Kontakt kamen, desto plausibler wurde offenbar die Verbindung zwischen Amazonen und Reiternomaden.
Herodot und die Frauen der Steppe
Besonders wichtig ist Herodot. In seinem vierten Buch der Historien erzählt er eine ausführliche Geschichte über Amazonen und Skythen. Nach seiner Darstellung geraten Skythen mit Amazonen in Kämpfe. Erst nachdem sie gefallene Amazonen untersuchen, erkennen sie, dass ihre Gegnerinnen Frauen sind. Das klingt zunächst wie eine typische antike Männerfantasie. Doch Herodots weitere Erzählung ist noch interessanter. Die Skythen versuchen nicht einfach, die Amazonen zu vernichten. Sie schicken junge Männer zu ihnen, damit sich beide Gruppen miteinander verbinden. Schließlich entsteht nach Herodot eine neue Gemeinschaft. Die Frauen weigern sich jedoch, in die skythischen Siedlungen zurückzukehren. Sie erklären, sie könnten mit den skythischen Frauen nicht zusammenleben, weil sie selbst reiten, jagen, mit Bogen und Speer umgehen und nicht die häuslichen Tätigkeiten beherrschen, die Herodot den anderen Frauen zuschreibt.
Herodot verbindet diese Amazonen anschließend mit den Sauromaten. Seine Erzählung ist natürlich keine soziologische Feldstudie. Sie enthält mythische Elemente, ethnographische Stereotype und literarische Konstruktionen. Trotzdem ist sie kulturgeschichtlich höchst aufschlussreich. Denn Herodot beschreibt eine Gesellschaft, in der bewaffnete Frauen offenbar vorstellbar sind. Und genau hier bekommt die Amazonensage einen realen Untergrund.
Die Archäologie macht aus der Sage keinen Tatsachenbericht
Die Archäologie hat das Problem nicht gelöst, sondern interessanter gemacht. In Gräbern der skythischen und sarmatischen Welt wurden Frauen mit Waffen bestattet: mit Pfeilspitzen, Speeren, Schwertern, Dolchen und anderem militärischem Gerät. Teilweise zeigen die Skelette Verletzungen, die mit gewaltsamen Auseinandersetzungen vereinbar sind. Die Gräber entsprechen in vielen Fällen grundsätzlich den Bestattungsformen männlicher Krieger. Das bedeutet nicht, dass jede Frau mit einer Pfeilspitze im Grab eine Berufssoldatin gewesen sein muss. Ein Waffenbeigaben enthaltendes Grab lässt sich nicht automatisch in eine moderne Berufsbezeichnung übersetzen. Ebenso wenig folgt daraus, dass skythische Gesellschaften „matriarchalisch“ gewesen seien. Gerade diese populäre Behauptung ist mit Vorsicht zu behandeln.
Aber eines ist schwer zu bestreiten: Es gab in den Steppengesellschaften Frauen, die Waffen trugen und offenbar an Tätigkeiten beteiligt waren, die wir heute mit Jagd und Krieg verbinden. Die Waffen waren dabei keineswegs bloß symbolischer Schmuck. Untersuchungen zeigen, dass die Bewaffnung weiblicher Bestattungen weitgehend dem Arsenal der skythischen Krieger entsprach. Besonders häufig finden sich Waffen für den Fernkampf. Das passt hervorragend zu den antiken Vorstellungen von Amazonen als Reiterinnen und Bogenschützinnen. Und plötzlich wird die Amazone weniger fantastisch.
Nicht real im Sinne einer historischen Penthesilea, die irgendwann zwischen Troja und dem Schwarzen Meer einen Eintrag in einem Einwohnermeldeamt hinterlassen hätte. Aber real als kulturelle Erinnerung an eine Welt, in der bewaffnete Frauen tatsächlich vorkamen.
Warum ausgerechnet die Skythen?
Die Skythen waren für die Griechen geradezu prädestiniert, in den Amazonenmythos einzuwandern. Sie lebten nördlich des Schwarzen Meeres und damit außerhalb der vertrauten griechischen Poliswelt. Ihre Gesellschaften waren stark von Pferdehaltung, Reiterei, Jagd und mobiler Lebensweise geprägt. Für Griechen, deren gesellschaftliches Ideal wesentlich stärker an der städtischen Polis orientiert war, musste diese Welt fremdartig wirken. Hinzu kam die außergewöhnliche militärische Bedeutung des Pferdes. Ein berittener Bogenschütze konnte sich einer traditionellen Infanterie ganz anders entziehen und sie angreifen, als dies ein schwerbewaffneter Hoplit konnte.

Wenn nun griechische Beobachter auf Frauen trafen, die reiten, jagen und Waffen führen konnten, war der Schritt zur Amazone nicht besonders groß. Die Amazonensage wäre damit ein klassischer Fall kultureller Übersetzung: Eine fremde soziale Realität wird in vertraute mythische Kategorien übertragen. Aus einer bewaffneten Reiterin wird eine Amazone. Aus mehreren bewaffneten Frauen wird ein Volk von Amazonen. Und aus diesem Volk entstehen Königinnen, Kriege, Liebesgeschichten und schließlich Achilles. Das ist die typische Karriere einer historischen Beobachtung, sobald sie in die Hände von Dichtern gerät.
Penthesilea: Skythin oder Thrakerin?
Damit kommen wir zu Penthesilea.
Sie ist allerdings ein besonders schwieriger Fall. Denn Penthesilea wird in der ältesten Überlieferung nicht ausdrücklich als Skythin bezeichnet. Die verlorene Aithiopis, die dem Arktinos von Milet zugeschrieben wurde, ließ Penthesilea als Tochter des Ares und als Thrakerin auftreten. Ihr ursprünglicher Text ist verloren, doch Proklos überliefert eine Zusammenfassung: Penthesilea kommt als Amazonenkönigin den Trojanern zu Hilfe, kämpft tapfer und wird schließlich von Achilles getötet. Das ist wichtig. Wer Penthesilea einfach als „skythische Kriegerin“ bezeichnet, macht aus einer historischen Hypothese eine Tatsache. Dafür gibt es keine ausreichende Grundlage.
Aber die Verbindung zwischen Penthesilea und dem nördlichen Schwarzmeerraum bleibt dennoch interessant. Denn die griechische Vorstellung von Amazonen entwickelte sich in einer Welt, in der Nachrichten über thrakische, skythische und andere nördliche Bevölkerungen kursierten. Thrakien und die Schwarzmeerregion bildeten einen kulturellen Übergangsraum, in dem griechische Kolonien, thrakische Gruppen und Steppenvölker miteinander in Kontakt standen. Penthesilea kann deshalb als mythische Verdichtung verschiedener Vorstellungen verstanden werden: einer alten griechischen Amazonentradition, Vorstellungen von thrakischen Kriegern und möglicherweise Beobachtungen weiblicher Kriegerinnen aus der eurasischen Steppe. Die Skythen wären dann nicht der „Erfinder“ Penthesileas, sondern ein wichtiger Bestandteil jener historischen Umwelt, die das Amazonenbild plausibel machte.

Achilles gegen Penthesilea: Der eigentliche Skandal
Besonders bemerkenswert ist die Begegnung mit Achilles. Penthesilea kommt nach Troja, kämpft gegen die Griechen und wird schließlich von Achilles getötet. Damit geschieht etwas, das für den griechischen Mythos geradezu ideal ist: Zwei extreme Figuren treffen aufeinander. Achilles ist der überragende männliche Krieger. Penthesilea ist die überragende weibliche Kriegerin. Das Ergebnis muss fast zwangsläufig tödlich sein. Doch die Geschichte besitzt eine groteske Wendung. Nachdem Achilles Penthesilea getötet hat, verliebt er sich in sie. Die antike Literatur und Kunst haben diesen Augenblick immer wieder aufgegriffen. Auf Darstellungen begegnen sich Achilles und Penthesilea unmittelbar im Moment ihres Todes; der Kampf wird zum Blickkontakt, der Sieg zur Tragödie. Das ist kein Zufall. Der männliche Held darf die außergewöhnliche Frau nicht einfach nur besiegen. Sie muss ihm ebenbürtig sein, sonst wäre der Sieg langweilig. Zugleich darf sie die bestehende Ordnung nicht dauerhaft gefährden. Also stirbt sie.

Penthesilea ist damit eine klassische mythische Figur der Grenzüberschreitung: Sie überschreitet die Grenze zwischen Frau und Krieger, zwischen Fremder und Heldin, zwischen Gegnerin und Geliebter. Der Mythos lässt sie diese Grenzen überschreiten – aber nicht dauerhaft bewohnen. Die Amazonenkönigin darf in die Männerwelt des Krieges eintreten. Sie darf dort sogar hervorragend kämpfen. Sie darf aber nicht gewinnen.
Von der Skythin zur Amazone
Damit erklärt sich auch die erstaunliche Langlebigkeit des Amazonenmotivs. Die Griechen begegneten in der Steppe nicht einem fertigen Amazonenvolk aus der Mythologie. Sie begegneten unterschiedlichen Gesellschaften, deren Lebensweise sich erheblich von der griechischen unterschied. Unter diesen Menschen gab es Frauen, die reiten, jagen und Waffen tragen konnten. Die griechische Imagination machte daraus etwas Größeres.
Die Archäologie liefert inzwischen genügend Material, um die Möglichkeit eines historischen Hintergrundes ernst zu nehmen. Sie liefert aber keine Beweise dafür, dass die Amazonenmythen unmittelbar aus einzelnen skythischen Frauen entstanden. Eine neuere Untersuchung zu den weiblichen Bestattungen im nördlichen Pontos betont ausdrücklich, dass bewaffnete skythische Frauen zwar die griechische Verbindung zwischen Skythen und Amazonen verständlich machen, die Amazonensage aber älter ist als die Kontakte zwischen beiden Kulturräumen.
Das ist vielleicht die vernünftigste Lösung des Problems. Die Amazonen wurden nicht einfach von den Skythen „erfunden“. Und die Skythen waren auch nicht bloß eine spätere Kulisse für eine vollständig erfundene griechische Fantasie, nämlich als Nachfahren Herkules‘. Vielmehr traf eine bereits vorhandene griechische Vorstellung von kriegerischen Frauen auf eine reale Welt, in der bewaffnete Frauen tatsächlich existierten. Die beiden Vorstellungen konnten sich gegenseitig verstärken.
Zwischen Mythos und Wirklichkeit
Die Geschichte der Amazonen zeigt deshalb ein allgemeines Problem der Alten Geschichte besonders deutlich: Mythos und Realität sind keine sauber getrennten Schubladen. Ein Mythos kann historische Erfahrungen aufnehmen, ohne selbst ein historischer Bericht zu sein. Ein archäologisches Grab kann eine literarische Tradition erklären, ohne deren Inhalt zu beweisen. Und eine antike Erzählung kann über eine fremde Gesellschaft mehr verraten, als ihr Verfasser selbst beabsichtigte. Penthesilea ist dafür ein geradezu ideales Beispiel.
Sie ist keine nachweisbare skythische Königin. Ihre thrakische Herkunft gehört zur ältesten überlieferten Tradition. Aber die Welt, in der eine solche Figur vorstellbar wurde, hatte offenbar reale Vorbilder. Die bewaffneten Frauen der skythischen und verwandten Steppengesellschaften geben dem Amazonenbild einen historischen Resonanzraum, den man nicht länger als bloße Phantasie abtun kann. Die Ironie besteht darin, dass die Griechen wahrscheinlich gar nicht besonders gut zwischen ethnographischer Beobachtung und mythologischer Übertreibung unterscheiden mussten. Sie sahen Reiter, Frauen mit Waffen, fremde Kleidung und ungewohnte soziale Verhältnisse – und die griechische Mythologie erledigte den Rest. Aus einer Frau mit Bogen wurde eine Amazone. Aus einer Amazone wurde eine Königin. Aus der Königin wurde Penthesilea. Und aus Penthesilea wurde schließlich die Frau, die Achilles besiegen musste, um zu beweisen, dass er Achilles war – und die zugleich sterben musste, damit die griechische Ordnung nicht allzu peinlich ins Wanken geriet.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Bedeutung der Amazonen: Sie sind weder reine Erfindung noch verkleidete Geschichtsbücher. Sie sind das Produkt eines kulturellen Blicks auf eine fremde Welt. Die Skythen lieferten dafür möglicherweise das Anschauungsmaterial, die griechische Mythologie die Dramaturgie und Penthesilea das Gesicht. Die Amazone war also nicht einfach eine Frau mit Waffen Sie war eine Zumutung an die Ordnung der Welt. Und deshalb war sie für die Griechen so interessant.
Autor: Stefan Knorr, M.A. (Germanistik, Politik, Psychologie), Lehrer und Geschichtsblogger
Schwerpunkt: Philologie und Antike, Politik und Zeitgeschichte




