Die Sprache, die Homer nie gesprochen hat

Einführung in die griechische Sprachwissenschaft und Philologie am Beispiel der homerischen Kunstsprache

Wer Altgriechisch lernt, erlebt irgendwann einen bemerkenswerten Moment der Ernüchterung. Man hat Vokabeln gelernt, Deklinationen gebüffelt, Verbformen memoriert und sich tapfer durch den Genitivus absolutus gearbeitet – und dann schlägt man Homer auf. Plötzlich sieht das Griechische zwar irgendwie bekannt aus, verhält sich aber nicht so, wie man es in der Grammatik gelernt hat. Vorneweg: Die Homerische Frage behandle ich hier nicht – ich gehe davon aus, dass es Homer irgendwo im Zeitraum 12.-7. Jh.v.u.Z. in Kleinasien gab.

Homer verwendet Formen, die im klassischen Attisch ungewöhnlich oder längst verschwunden sind. Neben ionischen Formen stehen ältere, teilweise archaische Elemente; daneben finden sich Formen, die offenbar deshalb existieren, weil sie in den Vers passen. Wörter erscheinen in Varianten, die der Anfänger zunächst für Druckfehler hält. Und über allem liegt der daktylische Hexameter, jener Vers, der dafür sorgt, dass ein griechischer Dichter seine Sprache gelegentlich so verbiegen darf, wie ein moderner Liedermacher eine Silbe verschluckt, damit der Refrain endlich passt. Das ist kein Zufall und schon gar kein sprachliches Chaos.

Die homerische Sprache ist eine Kunstsprache: eine literarische, traditionsgebundene Sprachform, die sich über Generationen der mündlichen Dichtung herausgebildet hat. Sie entspricht nicht einfach einer bestimmten gesprochenen Mundart und lässt sich nicht auf die Formel „Homerisch = Ionisch“ reduzieren. Wer Homer verstehen will, muss daher nicht nur Griechisch können, sondern auch begreifen, wie Sprache, Dichtung, Überlieferung und Versmaß miteinander verbunden sind. Gerade deshalb ist die homerische Kunstsprache ein hervorragendes Beispiel dafür, was griechische Sprachwissenschaft und Philologie leisten können.

1. Homerisch ist keine Alltagssprache

Die wichtigste Erkenntnis lautet zunächst: Die Sprache Homers ist keine natürliche Alltagssprache. Das klingt banal, ist aber für das Verständnis der homerischen Epen entscheidend. Niemand in einer griechischen Stadt wird im achten oder siebten Jahrhundert v. Chr. morgens aufgestanden sein und im homerischen Kunstidiom seinen Nachbarn begrüßt haben. Die homerische Sprache ist vielmehr das Ergebnis einer langen poetischen Tradition. Ihre Wurzeln reichen weit zurück und enthalten sprachliche Schichten aus unterschiedlichen Zeiten und Regionen. Besonders stark ist der ionische Anteil, doch daneben begegnen uns äolische und andere Elemente sowie archaische Formen, die aus älteren Stadien des Griechischen stammen. Das bedeutet: Die Sprache der Ilias und Odyssee ist historisch betrachtet gewissermaßen ein sprachliches Fossilienmuseum – nur mit deutlich besserem Versmaß.

Man darf sich die homerische Sprache daher nicht als Dialekt im selben Sinne vorstellen wie etwa das klassische Attisch oder das Lesbische der Sappho. Ein Dialekt ist primär eine natürliche regionale Sprachform. Die homerische Sprache dagegen ist poetisch kodifiziert. Sie wird innerhalb einer bestimmten Tradition weitergegeben und immer wieder verwendet. Der Dichter erbt also nicht nur Geschichten und Formeln, sondern auch ein sprachliches Werkzeug.

2. Die Mündlichkeit hinter dem Text

Damit sind wir bei einem der zentralen Probleme der Homerforschung: der Frage nach der mündlichen Dichtung. Die homerischen Epen sind in einer Tradition entstanden, in der Dichter – die sogenannten aoidoi – umfangreiche Geschichten nicht einfach aus einem Manuskript ablasen. Sie konnten vielmehr aus einem Bestand traditioneller Formeln und sprachlicher Muster schöpfen. Sie konnten den Text auswendig. Wie später das Nibelungenlied: Alles mündlich überliefert. Das erklärt eine Besonderheit, die modernen Lesern zunächst merkwürdig vorkommen kann: die häufige Wiederholung bestimmter Wortgruppen.

Helden tragen regelmäßig bestimmte Epitheta. Schiffe, Waffen, Götter und Landschaften werden in stereotypen Wendungen beschrieben. Diese Formeln sind nicht bloß dekorative Wiederholungen. Sie erfüllen eine poetische Funktion. Der Sänger muss seinen Text nämlich nicht jedes Mal vollständig neu erfinden. Er verfügt über einen Vorrat sprachlicher Bausteine, die hinsichtlich Bedeutung, Grammatik und Versmaß verwendbar sind. Die Formel ist damit kein Zeichen dichterischer Faulheit, sondern ein Bestandteil des poetischen Systems. Man könnte etwas boshaft sagen: Homer hatte keine Textverarbeitung mit Autovervollständigung – er war die Autovervollständigung.

3. Der Hexameter als sprachlicher Diktator

Der daktylische Hexameter ist für die homerische Sprache von fundamentaler Bedeutung. Der Vers besteht aus sechs metrischen Einheiten, den sogenannten Metren oder Füßen. Typischerweise wechseln sich Daktylen und Spondeen ab, wobei insbesondere die letzten beiden Versfüße eine charakteristische Struktur besitzen. Das Entscheidende ist jedoch nicht, dass Homer eine hübsche rhythmische Form gewählt hätte. Das Versmaß beeinflusst unmittelbar die Sprache.

Ein Ausdruck muss nämlich nicht nur inhaltlich und grammatisch passen. Er muss auch metrisch funktionieren. Und genau hier beginnt die sprachwissenschaftlich interessante Angelegenheit. Ein Wort kann in einer bestimmten Form verwendet werden, weil diese Form eine benötigte Silbenzahl liefert. Eine Endung kann erhalten bleiben, obwohl sie in einer späteren Sprachstufe verschwunden ist. Eine Silbe kann durch bestimmte Lautentwicklungen metrisch relevant werden. Formen können nebeneinander existieren, weil sie unterschiedliche metrische Möglichkeiten eröffnen. Der Vers ist also nicht bloß Verpackung. Er ist ein Produktionsprinzip der Sprache. Die homerische Kunstsprache ist deshalb ohne das Metrum nur halb verständlich.

4. Ein sprachliches Patchwork – aber ein sehr systematisches

Wer homerische Formen betrachtet, entdeckt zahlreiche unterschiedliche sprachgeschichtliche Schichten. Ein besonders wichtiges Element ist das Ionische. Die später bekannte ionische Sprachform steht der homerischen Sprache deutlich näher als beispielsweise das klassische Attisch. Dennoch wäre es falsch, Homer schlicht als ionischen Dichter im sprachlichen Sinne zu behandeln. Denn neben ionischen Formen finden sich ältere Elemente, die aus einer Zeit stammen, in der die griechischen Dialekte noch anders organisiert waren. Hinzu kommen Formen, die man mit der äolischen Tradition in Verbindung bringen kann. Gerade diese Mischung hat die ältere Homerforschung beschäftigt und zu unterschiedlichen Theorien über die Entstehung der homerischen Sprache geführt.

Heute ist es sinnvoller, nicht nach einem einzigen „Heimatdialekt“ Homers zu suchen, sondern die homerische Sprache als Ergebnis einer langen poetischen Tradition zu betrachten. Sie ist also nicht falsch zusammengesetzt. Sie ist absichtlich traditionell zusammengesetzt. Das ist ein erheblicher Unterschied.

5. Das berühmte Digamma und andere Geister der Sprachgeschichte

Besonders anschaulich wird das Problem an Lauten, die im überlieferten homerischen Text nicht mehr geschrieben werden, aber metrisch Spuren hinterlassen. Ein berühmtes Beispiel ist das Digamma ϝ.

Dieser Laut, der ungefähr den Wert eines w hatte, war in älteren Formen des Griechischen vorhanden und verschwand in vielen Dialekten. Im homerischen Text ist er normalerweise nicht mehr geschrieben. Dennoch können bestimmte metrische Erscheinungen darauf hindeuten, dass er in der poetischen Tradition noch eine Rolle spielte. Für die historische Sprachwissenschaft ist das äußerst interessant. Denn hier kann ein Laut, der im geschriebenen Text gar nicht mehr sichtbar ist, gewissermaßen als metrischer Geist weiterleben. Das ist einer der großen Reize der historischen Philologie: Ein verschwundener Laut kann manchmal mehr über die Geschichte einer Sprache verraten als ein ganzer Absatz scheinbar sauberer Prosa. Ähnliche Probleme ergeben sich bei der Behandlung von Vokalverbindungen, Längungen, Kürzungen und anderen lautlichen Erscheinungen. Die homerische Sprache bewahrt dadurch Hinweise auf ältere Sprachstufen, die in späteren griechischen Dialekten nicht mehr unmittelbar sichtbar sind.

6. Warum Homer Formen verwendet, die grammatisch „falsch“ aussehen

Für Studenten des Griechischen ist eine weitere Eigenheit besonders irritierend: Homer scheint sich gelegentlich nicht an die Regeln zu halten. Das Problem liegt meistens darin, dass man die falsche Grammatik als Maßstab verwendet. Wer zunächst klassisches Attisch gelernt hat und anschließend Homer liest, erwartet unbewusst, Homer müsse sich an die Regeln des Attischen halten. Das wäre ungefähr so, als würde man Shakespeare vorwerfen, er schreibe kein modernes Englisch. Sprachformen entwickeln sich. Homer steht sprachgeschichtlich an einer anderen Stelle und gehört außerdem einer besonderen poetischen Tradition an. Formen, die im klassischen Attisch ungewöhnlich sind, können im homerischen Idiom völlig normal sein. Dazu kommen metrische Varianten. Die homerische Sprache verfügt über unterschiedliche Formen desselben Wortes, die je nach metrischer Situation verwendet werden können. Der Dichter besitzt damit einen gewissen Vorrat an sprachlichen Alternativen. Das führt zu einem wichtigen Grundsatz:

Die homerische Sprache ist nicht zufällig uneinheitlich, sondern funktional variabel.

Die Variation ist Teil ihres Systems.

7. Die Formelsprache und die Kunst des Baukastens

Milman Parry und Albert Lord haben die Erforschung der homerischen Dichtung im 20. Jahrhundert entscheidend geprägt. Besonders Parrys Untersuchungen zur Formelsprache zeigten, wie eng sprachliche Wiederholung und mündliche Dichtung miteinander verbunden sind. Eine Formel ist dabei eine fest etablierte Wortgruppe, die unter ähnlichen metrischen Bedingungen regelmäßig eingesetzt werden kann. Das erklärt beispielsweise die berühmten Epitheta der homerischen Helden. Achilleus ist nicht einfach Achilleus. Er kann als „schnellfüßig“ charakterisiert werden. Andere Figuren erhalten ebenfalls feste Bezeichnungen, die sich in bestimmten metrischen Positionen besonders gut verwenden lassen. Aus moderner literarischer Sicht könnte man darüber lästern: Immer dieselben Beinamen, immer dieselben Formeln – hätte Homer vielleicht ein Synonymwörterbuch gebraucht? Nein. Er brauchte einen funktionierenden Hexameter.

Die Formel erfüllt gleichzeitig semantische, rhythmische und poetische Aufgaben. Sie ist damit ein Stück hochentwickelter mündlicher Kompositionstechnik.

8. Homer als Sprachkonservator

Die homerische Kunstsprache hat noch eine weitere Bedeutung: Sie konserviert ältere sprachliche Elemente. Das bedeutet nicht, dass Homer einfach eine alte Sprache abgeschrieben hätte. Vielmehr wurden ältere Formen innerhalb der poetischen Tradition weitergegeben und mit jüngeren Formen kombiniert. Die Epen können dadurch sprachgeschichtliche Schichten enthalten, die über Jahrhunderte auseinanderliegen. Für die historische Sprachwissenschaft ist das ein Geschenk.

Allerdings ist es ein Geschenk, das man vorsichtig auspacken sollte. Denn nicht jede archaisch wirkende Form muss automatisch ein unverfälschtes Relikt einer bestimmten Epoche sein. Dichtersprache kann alte Formen bewusst bewahren, verändern oder neu kombinieren. Die Philologie muss deshalb zwischen Sprachgeschichte und poetischer Tradition unterscheiden. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen bloßem Übersetzen und wissenschaftlicher Philologie.

Wer Homer nur übersetzt, fragt: „Was bedeutet dieses Wort?“

Wer Homer philologisch untersucht, fragt zusätzlich:

Warum steht hier gerade diese Form?

Aus welcher Sprachstufe stammt sie?

Ist sie dialektal?

Ist sie metrisch bedingt?

Ist sie Teil einer Formel?

Welche lautgeschichtlichen Prozesse könnten dahinterstehen?

Und welche Überlieferungsgeschichte hat die Form überhaupt durchlaufen?

Plötzlich wird aus einem kleinen Wort ein Forschungsprojekt. Die klassische Philologie ist bekanntlich hervorragend darin, aus drei Buchstaben eine Dissertation zu machen.

9. Warum die homerische Kunstsprache für die Indogermanistik wichtig ist

Die Bedeutung der homerischen Sprache reicht über die griechische Sprachgeschichte hinaus. Griechisch gehört zur indogermanischen beziehungsweise indoeuropäischen Sprachfamilie. Die historische Sprachwissenschaft untersucht die Beziehungen zwischen Griechisch und anderen indogermanischen Sprachen und versucht, ältere Sprachstufen durch systematische Laut- und Formenvergleiche zu rekonstruieren. Homer liefert dafür besonders wertvolles Material.

Archaische Formen können Hinweise auf ältere morphologische Strukturen geben. Lautliche Besonderheiten können mit bekannten Entwicklungen innerhalb der griechischen Dialekte verglichen werden. Grammatische Formen lassen sich in die Geschichte des Griechischen einordnen und mit Erscheinungen anderer indogermanischer Sprachen vergleichen. Dabei darf man allerdings niemals vergessen, dass Homer kein direktes Tonbandgerät der mykenischen oder urgriechischen Sprachstufe ist.

Die homerische Sprache ist überliefertes poetisches Material. Sie zeigt also nicht einfach „das alte Griechisch“, sondern eine poetisch überformte Sprache, in der verschiedene historische Ebenen zusammenwirken.

10. Philologie bedeutet: Den Text nicht für dümmer halten als sich selbst

Die homerische Kunstsprache zeigt besonders deutlich, warum Philologie mehr ist als das Nachschlagen unbekannter Vokabeln. Ein Text ist ein historisches Objekt.

Er hat eine Überlieferungsgeschichte, eine sprachliche Struktur, eine metrische Organisation und eine literarische Funktion. Wer ihn verstehen möchte, muss diese Ebenen miteinander verbinden. Gerade bei Homer ist das unverzichtbar. Denn die scheinbaren Unregelmäßigkeiten sind häufig Hinweise auf die Geschichte des Textes und seiner Sprache. Der Student, der bei einer ungewöhnlichen Form zunächst denkt: „Homer konnte es offenbar nicht besser“, hat die denkbar schlechteste Erklärung gefunden. Die bessere Frage lautet:

Warum ist diese Form hier möglich?

Und manchmal lautet die Antwort: weil sie alt ist. Manchmal: weil sie aus einer bestimmten Dialekttradition stammt. Manchmal: weil sie metrisch benötigt wird. Manchmal: weil sie Teil einer Formel ist. Und manchmal müssen mehrere Erklärungen gleichzeitig berücksichtigt werden.

Schluss: Eine Sprache aus vielen Zeiten

Die homerische Kunstsprache ist faszinierend, weil sie sich einer einfachen Einordnung widersetzt. Sie ist ionisch, aber nicht einfach Ionisch. Sie ist archaisch, aber nicht einfach „Urgriechisch“. Sie ist mündlich geprägt, aber in schriftlicher Form überliefert. Sie ist formelhaft, aber keineswegs mechanisch. Und sie ist künstlich, ohne künstlich im modernen Sinne zu sein. Ihre „Künstlichkeit“ besteht vielmehr darin, dass sie innerhalb einer poetischen Tradition über Generationen hinweg gestaltet, bewahrt und verändert wurde. Homer spricht daher sprachlich gewissermaßen mit mehreren Stimmen zugleich. In seinen Versen begegnen sich ältere und jüngere Formen, unterschiedliche Dialekttraditionen und metrisch bedingte Varianten. Die Sprache der Epen ist ein historisches Gedächtnis der griechischen Dichtung. Gerade deshalb ist Homer für die griechische Sprachwissenschaft von unschätzbarem Wert. Wer Homer liest, liest nicht einfach einen alten griechischen Text. Er begegnet einer Sprache, in der sich Sprachgeschichte und Literaturgeschichte überlagern. Und vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion der homerischen Kunstsprache:

Sprache ist niemals nur ein Wörterbuch.

Sie trägt ihre Vergangenheit mit sich herum – manchmal sichtbar, manchmal nur in einer Endung, einer Lautfolge oder einer metrischen Besonderheit. Homer macht diese Vergangenheit besonders deutlich. Sein Griechisch ist kein sauberer Dialekt aus dem Lehrbuch, sondern ein poetisches Gebilde aus Jahrhunderten sprachlicher Erinnerung. Oder, weniger feierlich gesagt: Homer schrieb Griechisch. Nur eben nicht so, wie es der Grieche von nebenan gesprochen hätte. Und genau deshalb lohnt es sich, ihm sprachwissenschaftlich auf die Finger zu schauen.

Autor: Stefan Knorr, M.A. (Germanistik, Politik, Psychologie), Lehrer und Geschichtsblogger

Schwerpunkt: Philologie und Antike, Politik und Zeitgeschichte

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